Eine kurze Einführung in die Systemische Selbstintegration nach Langlotz

Dr. phil. Philipp Kutzelmann

Einleitung: Eine systemische Therapie für das innere System des Menschen

Die Systemische Selbstintegration nach Langlotz ist ein lösungsorientiertes Kurzzeitverfahren, das Elemente aus den systemischen Aufstellungen, der Gestalttherapie und verschiedenen Abgrenzungs- und Ablösungsrituale kombiniert, um die Autonomieentwicklung des Klienten zu unterstützen und um mehr Selbstbestimmung zu initiieren.
Im Kern der Methode liegt die Beobachtung, dass jeder Mensch stets in zwei grundlegende Beziehungen eingebettet ist: Die Beziehung zu seiner Außenwelt und seine Beziehung zu sich Selbst.
Gelingt es uns diese beiden Pole in Balance zu halten, dann besitzen wir eine gutes Gespür für die Offenheit unseres eigenen Raumes und wir haben einen klaren Kontakt zu den eigenen Ressourcen und Bedürfnissen sowie der Fähigkeit für diese auch im Angesicht schwieriger Umstände einzustehen.
Wenn wir eine Beziehung oder Situation jedoch als Problematisch erleben, dann hängt dies dagegen oft damit zusammen, dass wir den Zugang zum eigenen Selbst und die gesunde Distanz zu Aussenwelt zeitweilig verloren haben. Wir erleben uns dann so, als wären wir mit anderen Personen, Umständen und Meinungen „verschmolzen“ (Symbiose).
An diesem Punkt setzt der Prozess der Systemischen Selbstintegration an. Der symbolische Rahmen der Aufstellungsarbeit wird dazu genutzt um gesunde Grenzen wieder besser wahrnehmen zu können und um klarer zwischen eigenen und fremden Räumen zu unterscheiden. Schritt für Schritt lernen wir wieder für unsere eigene Wahrnehmung einzustehen und uns wieder mit unserem Selbst zu verbinden. So gewinnen das Gefühl für unseren inneren Freiraum zurück und unsere persönliche Kraft – die wir verloren geglaubt hatten – kommt wieder an den richtigen Platz und kann uns fortan dabei helfen, bewusst für unsere eigenen tiefen Bedürfnisse einzustehen, anstatt sich unbewusst gegen uns selbst und andere zu richten. Die ursprüngliche Balance zwischen Selbstbeziehung und Fremdbeziehung wir so wieder ins Gleichgewicht gebracht.

 

Durch die starke Fokussierung auf das „innere System“ eines Menschen setzt der Selbstintegrationsprozess genau dort an, wo Veränderung möglich und auch gewünscht ist: bei uns Selbst. Ganze gemäß des Ratschlages des buddhistischen Philosophen Shantideva:

Die ganze Welt mit Leder abzudecken –
wie soll man so viele Häute denn gewinnen?
Umwickel einfach deinen Fuß mit Leder,
und es ist, als wär‘ die ganze Welt bedeckt!

Dieser Artikel möchte den LeserInnen einen kleinen Überblick über die Hintergründe und Grundprinzipien dieser Arbeit vermitteln. Zum Abschluss zeigt er zudem einen Weg auf, wie sie den eigenen „Autonomie-Index“ anhand eines Fragebogens kennenlernen und besser einschätzen lernen können.

Der Ausgangspunkt: Das Familienstellen von Bert Hellinger und die Systemische Therapie in den späten 1990ern

Die Systemische Selbstintegration hat ihren Ursprung in einer kritischen Auseinandersetzung mit Bert Hellingers Familienstellen. Hellinger kombinierte in seinem Ansatz seine eigenen Beobachtungen zur systemischen Therapie mit Methoden szenischer Darstellungen aus der Skulpturarbeit und ermöglichte es so, die Verwerfungen innerhalb eines Familiensystems sichtbar zu machen, zu untersuchen und zu deuten.
Als Ursache für die Probleme seiner KlientInnen nahm Hellinger eine unbewusste Identifizierung mit einem schweren, bzw. ausgeklammerten Schicksal in deren Familiensystem an. Er interpretierte diese Identifizierung als die Wirkung eines unterbewussten Sippengewissens, welches dafür verantwortlich sei, dass das Schicksal eines ausgeschlossenen Familienmitglieds von einem Späteren nachgeahmt wird.
Um diese Identifikation zu lösen, empfahl er seinen KlientInnen, sich vor dem ausgeschlossenen Familienmitglied zu verneigen und dieser Würdigung durch das sprechen von rituellen Sätzen – wie „Ich gebe dir einen Platz in meinem Herzen“ – Ausdruck zu verleihen. So sollte das ausgeschlossene Schicksal wieder in das Familiensystem integriert und dessen „Ordnung“ wieder hergestellt werden. Wenn es der KlientIn danach nicht besser ging, dann wurde die AufstellungsleiterIn angehalten, nach weiteren schweren Schicksalen im System zu suchen um auch dieses Schicksale – stellvertretend für das ganze System – „ins Herz zu nehmen„.
Hellingers Konzept erlebte während der späten 1990er und frühen 2000er Jahre einen extrem Popularitätsschub und wurde Gleichermaßen zum Anlass für viel fundierter Auseinandersetzung wie auch blinder Nachahmung. Dabei sorgten sein Vorgehen und seine Haltung zunehmend für Kontroversen. Es wurde deutlich, dass viele der Grundannahmen des Familienstellens langfristig nicht haltbar waren und – mit mangelndem Sorgfalt und Verstädnis ausgeübt – sogar potentiell gefährlich sein konnten.
Für die Entstehung der Systemischen Selbstintegration war insbesondere die kritische Auseinandersetzung mit Hellingers Konzept der Identifikation zentral:

  • Was passiert überhaupt bei einer Person, die sich mit einer Anderen und deren Schicksal „identifiziert“?
  • Welchen Einfluss nimmt diese Identifikation auf ihr Leben? Abseits von den kollektiven Zwängen und Mustern ihres Familiensystems.
  • Wie wirkt sich die Identifikation auf die Selbstbeziehung und das Beziehungserleben einer betroffenen Person aus?
  • Wie kann sich die Person aus dieser Identifikation lösen?

Für den Münchner Psychiater Ernst Robert Langlotz wurden diese Fragestellungen zum Grundsatzproramm eines mehr als zwanzig Jahre andauernden Prozesses des Forschen und Beobachten. Den passenden Rahmen für ein solches Unterfangen lieferten ihm die täglichen Herausforderungen seiner psychiatrischen Praxis. So kristallisierte sich – Schritt für Schritt – das Bild einer Fülle von verwirrenden Dynamiken und ihnen entsprechenden Lösungsinterventionen heraus, die zusammen wie Puzzlesteine ein erstaunlich klares Bild ergaben: ein systemisches Modell von Autonomie, Autonomiehemmung und symbiotischen Verhalten – die Systemische Selbstintegration nach Langlotz.

Ein systemisches Verständnis von Autonomie

Im Zentrum der Systemischen Selbstintegration steht die Erkenntnis, dass sich die Autonomie einer Person aus der Wechselwirkung von drei, sich gegenseitig bedingenden, Aspekten beschreiben lässt:

  • Die Fähigkeit, zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu differenzieren d.h. die Fähigkeit zwischen dem eigenen, seelischen Raum und fremden Räumen zu unterscheiden und mit ihnen in Beziehung zu treten. (RAUM)
  • Ein starker Selbstkontakt d.h. ein klarer Zugang und eine Verbindung mit den eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Überzeugungen (SELBST)
  • Die Fähigkeit, die eigene gesunde Aggression konstruktiv für den eigenen Selbstausdruck und zum Schutz des eigenen Raumes zu nutzen, anstatt sie destruktiv gegen sich selbst und andere zu richten. (ABGRENZUNG)

RAUM entsteht dort, wo es eine Grenze gibt, die klar zwischen zwei Zuständen differenziert, d.h. diese voneinander trennt und verbindet. Man kann sich diesen Zusammenhang an einem simplen Beispiel verdeutlichen: Wenn man auf einem weissen Hintergrund einen Kreis zeichnet, dann wird dadurch der Raum im Kreis klar von dem Raum um den Kreis herum unterschieden. Wo zuvor ein undifferenzierter Raum war, gibt es plötzlich zwei Räume, die klar voneinander unterschieden sind. Der gezeichnete Kreis fungiert hier als eine Grenze, weil es unmöglich ist, von einem der beiden Zustände zum Anderen überzugehen, ohne die Linie des Kreises zu überschreiten. Doch damit ist der Kreis nicht nur das, was die beiden Zustände voneinander trennt, er ist gleichzeitig auch das, was die beiden Zustände miteinander verbindet, da jeder Kontakt zwischen dem Raum im Inneren des Kreises und dem Raum um den Kreis, nur über die Grenze laufen kann.
Wir haben es hier mit einem universellen Merkmal aller lebendigen Prozesse zu tun. Durch eine Grenze entsteht ein individueller und autonomer Lebensraum, der sich von seiner Umwelt unterscheidet aber gleichzeitig auch mit ihr in Beziehung treten kann. Das lässt sich schon auf der Ebene der kleinsten Lebensformen beobachten: den Zellen. Um die eigenen lebenserhaltenden Prozesse erhalten zu können, schafft die Zelle eine semipermeable Membran, die das innere der Zelle klar von ihrer Umwelt abtrennt. Dadurch differenziert sich die Zelle von ihrer Umwelt. Sie ist aber deswegen nicht isoliert. Die Membran ist gleichzeitig die Zone, in der die Zelle sich mit ihrer Umwelt austauschen kann. Die Grenze der Zelle erhält so ihr Leben und ermöglicht es ihr mit anderen Zellen und dem großen Ganzen jenseits ihrer Grenzen in Beziehung zu treten.

Ein Kreis als Beispiel für das Prinzip der Abgrenzung zweier Räume und das entstehen von RAUM

Dieses Prinzip trifft – in weitaus subtilerer und komplexerer Art und Weise – auch auf die psychischen und emotionalen Grenzen in menschlichen Beziehungen zu. Grenzen werden in der Alltagssprache ja gerne mit Zäunen oder Mauern verwechselt. Doch bei einem Zaun oder einer Mauer geht es eher darum, ein bestimmtes Territorium vom Rest der Welt zu isolieren und zu schützen. Seelische Grenzen hingegen, ermöglichen uns nicht nur des Eigene vom Fremden zu unterscheiden und zu schützen; sie ermöglichen es auch das Eigen mit dem Fremden in Beziehung treten zu lassen ohne das wir das Eigene dabei zu verlieren. Damit wird eine Balance zwischen Eigenständigkeit (Autonomie) und Zugehörigkeit (Heteronomie) möglich. Wer gesunde Grenzen hat ist klar differenziert und kann gleichzeitig mit sich selbst und mit Anderen in Kontakt sein, ohne sich selbst dabei zu verlieren.
Damit der persönliche RAUM und seine Grenze diesen Zweck erfüllen können, ist es aber wichtig, dass sie sich auf etwas konkretes Beziehen. Der RAUM ist kein Selbstzweck. Er ist Raum für das „Eigene“. Erst durch den Bezug auf das „Eigene“ hat der RAUM eine Funktion. Diese „Eigene“ ist beim Menschen das SELBST. Das SELBST ist einzigartig, unverlierbar und unzerstörbar. Es ist das Geburtsrecht eines Menschen – ein Geschenk der Natur. Es ist das innere Potential, das jeder in dieses Leben mitgebracht hat. Von daher hat das SELBST eine transzendente Würde, einen Wert in sich selbst, unabhängig von Geschlecht und Hautfarbe, unabhängig auch davon, ob man etwas leisten oder ob man von jemandem gebraucht wird. Wie eine duftende Rose, deren Schönheit allein darin besteht, dass sie ist:

SELBST

Unser SELBST ist das, was uns zum In-dividuum macht. Es ist die Grund-Natur unserer Persönlichkeit, die dafür sorgt, dass wir unsere Identität auch dann nicht verlieren, wenn wir mit anderen Menschen oder Gruppen in Berührung kommen. Es ist das, was den Peter zum Peter macht und die Marie zur Marie – aber eben nicht zu irgendeinem Peter oder irgendeiner Marie, sondern zu genau der unverwechselbaren Persönlichkeit als die wir sie erleben. Es ist der Teil von uns, der es uns ermöglicht zu sagen, dass wir Körper, Gefühle und Gedanken haben, während wir intuitiv wissen, dass wir mehr sind als die Instrumente durch die wir uns ausdrücken. Das SELBST gibt uns die Fähigkeit, zwischen den oberflächlichen und den tieferen Teilen unser Persönlichkeit zu Unterscheiden und uns mit diesen auseinanderzusetzen. Es ist aber auch das, was bewirkt, das die verschiedenen Schichten und Aspekte unserer Persönlichkeit eine Einheit zu bilden und um ein gemeinsames Zentrum organisiert sind. Es ist der tiefe Ort in uns, mit dem wir Kontakt suchen, wenn wir eine lebensbestimmende Entscheidung treffen müssen die eine existentielle Bedeutung für unsere Zukunft hat. Und es ist – last but not least – der Teil von uns der es uns ermöglicht, über uns hinauszuwachsen und unser Leben auf einen umfassenderen, größeren Sinn auszurichten.
Diese Annahme gründe sich aber nicht etwa in luftiger Esoterik – sie hat einen ganz erdigen, immanenten Anspruch. Sie entspricht im Kern dem Grundrecht auf Menschenwürde und auf Selbstbestimmung, das auch in unserem Grundgesetz verankert ist.
Das SELBST ist in uns zunächst nur als Potential angelegt. Damit es sich entwickeln und in der Welt in Erscheinung treten kann – dass Selbst-Verbindung möglich wird – braucht es einen eigenen, geschützten Raum. D.h. ein Kind muss die Möglichkeit haben, nein! sagen zu dürfen, sich abzugrenzen, um seinen eigenen Raum zu schaffen:

Der RAUM und seine Grenze existieren für das SELBST

Wenn man diesen RAUM bewusst in Besitz nimmt, dann wird er frei für das Eigene, das SELBST. Das ist die Voraussetzung für Selbst-Bewusstsein, Selbst-Vertrauen und Selbst-Bestimmung. Dadurch, dass wir den eigenen seelischen Raum für unsere Selbst frei machen und in Besitz nehmen, nehmen wir aber nicht nur Raum, wir geben gleichzeitig auch anderen Raum, so zu sein wie sie sind. So wird ein Selbstbewusstsein ohne Egoismus möglich.
RAUM und SELBST alleine genügen aber nicht um ein autonomes Leben führen zu können. Alles Leben ist Prozess und der Ausdruck eines Wechselspieles von vielen unterschiedlichen und sich oft widersprechenden Kräften. Um in diesem Spiel der Kräfte einen RAUM zu haben und um als SELBST in Erscheinung zu treten brauchen wir ABGRENZUNG. Die Abgrenzung ist die aktive Kraft, die dabei hilft die Grenze aufrecht zu erhalten und Raum für des eigene Selbst zu schaffen. Sie dient aber nicht nur zum Schutz, sie ist auch die Kraft die dabei hilft, dem eigenen in der Welt Ausdruck zu verleihen.
Im Leben des Menschen findet diese Kraft ihren Ausdruck in der Fähigkeit des Erwachsenen, sein Leben SELBST-bestimmt zu leben – auch oder gerade bei unerwarteten Herausforderungen und Enttäuschungen. Denn das Leben ist niemals statisch. Es genügt nicht, wenn einmal zwischen einem „ICH“ und einem „DU“ unterschieden wurde. Es ist ein Prozess der sich ständig wiederholen, erneuert und angepasst werden muss. Also braucht es die ABGRENZUNG eine Kraft, um die Unterscheidung stabil halten zu können.

Die ABGRENZUNG ist auch die gesunde Aggression. Sie sorgt dafür, dass die Grenze stabil bleibt, so dass es einen RAUM für das SELBST geben kann. Wird diese Kraft in den Dienst des SELBST gestellt, dann haben wir die Fähigkeit für unser Selbst in der Welt einzustehen. Sie ist die Kraft, die es braucht um Widerständen zu trotzen und diese nicht als Angriff oder Zumutung sondern als Herausforderung und Gelegenheit zum Wachstum zu erfahren.
Gemeinsam bilden diese drei Aspekte – RAUM, SELBST, ABGRENZUNG – eine systemisches Modell von Autonomie. Die drei Aspekte definieren und bestimmen sich Gegenseitig. Sie bilden zusammen ein größeres Ganzes, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Versucht man einen dieser Aspekte aus diesem größeren Gesamtzusammenhang herauszulösen, dann verliert auch das Ganze seine Sinn. Der RAUM ist ohne SELBST und ABGRENZUNG nur eine leblose Struktur – so wie ein Haus, das zwar gebaut wurde, in das aber nie jemand eingezogen ist und in dem niemals Leben stattgefunden hat. Das SELBST ist ohne den RAUM und ohne die Kraft der ABGRENZUNG nur ein Potential, das niemals im Leben in Erscheinung tritt. Und die ABGRENZUNG verkommt ohne RAUM und SELBST zu einer blinden und destruktive Kraft, die keinen konstruktiven Zweck hat, in dessen Dienst sie sich stellen kann.

Autonomieentwicklung, Autonomiehemmung und Symbiose

Anhand der frühen Autonomieentwicklung lässt sich beobachten, wie wichtig die drei Autonomie-Aspekte – RAUM, SELBST und GRENZE – für das Leben eines Menschen sind.
Zu Beginn des Lebens ist ein Embryo noch ganz zart und vollkommen abhängig. Es ist buchstäblich noch ein Teil der Mutter – es lebt in Symbiose. Das Kind befindet sich vollkommen im RAUM der Mutter, ganz ohne eigene Grenze. Sein SELBST ist noch nicht in Erscheinung getreten und die vital Kraft der ABGRENZUNG existiert nur rudimentär auf der Basis lebenserhaltender Funktionen. Sie dient noch nicht dazu, die eigene Identität von der, der Mutter zu unterscheiden. Das Kind ist in einem Zustand der vollkommenen Identifikation mit der Mutter.

Mutter-Kind Symbiose. Das SELBST und RAUM des Kindes sind als Potential angelegt

Nach der Geburt ist es für die gesunde Entwicklung des Kindes erforderlich, dass auch die Mutter in diesen „Symbiose-Modus“ geht. Sie orientiert sich für eine gewisse Zeit mehr nach ihrem Kind, als nach ihrem eigenen SELBST. Die Mutter versucht, sich „empathisch“ in ihr Kind hinein zu versetzen, seine Bedürfnisse zu erfassen und zu befriedigen. Dabei stellt sie die eigene Bedürfnisse und negative Gefühle (Ärger, Wut) zurück.
Doch bereits mit der Geburt – der Abnabelung und dem ersten Atemzug – beginnt auch der Prozess in dem das Kind sich langsam vom Zustand der Symbiose mit der Mutter löst und in ein eigenes autonomes Leben hineinentwickelt. Schon für erwacht im Kind ein Grundbedürfnis nach Autonomie, welches es über die engen Grenzen seines Bedürfnisses nach Zugehörigkeit hinaustreibt. Nach und nach werden dadurch die Grenzen des eigenen Raumes und damit auch der eigenen Identität klarer. Mit dem Raum wächst das Gespür für das eigene Selbst und der Ausdruck der vitalen Kraft der Abgrenzung wandelt sich von einem unbewussten Schrei nach der Zuwendung der Mutter in ein erstes klares „Nein“, in dem das Kind seinen eigenen Standpunkt in der Welt entdeckt. Beim Menschen dauert dieser Prozess sehr lange und ist erst mit der Pubertät vollständig abgeschlossen. Dann sind RAUM, SELBST und ABGRENZUNG genug in Erscheinung getreten, dass das eigenständige Leben des Kindes gewährleistet werden kann.

Symbiotische Phase nach der Geburt: Das Kind entdeckt langsam den eigenen RAUM und das Potential seines SELBST tritt in Erscheinung

Dabei ist es wichtig, dass das Kind sich in der Gegenwart von Menschen befindet, die diesen Prozess selber in einer natürlichen Art und Weise durchlaufen konnten. Eine Mutter, welche die Möglichkeit hatte, die eigene Autonomie zu entwickeln, versteht und unterstützt wohlwollend die Abgrenzungsbewegungen ihres Kindes. Gleichzeitig findet das Kind in ihr ein Gegenüber mit der Fähigkeit, einen eigenen Standpunkt beziehen zu können. So kommt das Kind in den Kontakt mit einem lebendigen SELBST und erlebt diesen als Einladung, sich auch abzugrenzen und fremde Grenzen zu respektieren.

Durch die Möglichkeit zur ABGRENZUNG stabilisiert sich der RAUM das Kindes und es kann sein SELBST zum Ausdruck binden.

Diese Autonomie-Entwicklung des Kindes ist ein sensibler Prozess und extrem störanfällig. Sie kann beeinträchtigt, verwirrt oder ganz blockiert werden. Dabei haben sich drei Einflussfaktoren als besonders Störend für die Autonomieentwicklung herausgestellt:

1. Der frühe Verlust einer nahen Bezugsperson
2. Körperliche und seelische Gewalt
3. Ein stark traumatisiertes Umfeld

Diese Erfahrungen beeinflussen das Gespür für den eigenen RAUM, blockieren den Kontakt zum eigenen SELBST und wirken sich hemmend auf die Fähigkeit zu ABGRENZUNG aus. Sind diese nachhaltig gestört, kommt es zu einer Hemmung der Autonomie und – Schritt für Schritt – zur Herausbildung ein Symbiosemusters, welches auch das Leben des Erwachsenen beeinflusst und alle seine Beziehungen beeinträchtigt.

Der Verlust von nahen Bezugspersonen

Selbst nach der engen Symbiose mit der Mutter während der Säuglingszeit, ist ein Kind noch lange Zeit mit einem oder mehreren nahen Angehörigen (Bezugsperson, Geschwister) identifiziert. Wir es von diesen Bezugspersonen getrennt – durch Tod, Trennung, Vertreibung etc. –, bevor es gelernt hat die eigene Identität zu differenzieren (Pubertät), neigt es dazu, weiter mit diesem Angehörigen identifiziert zu bleiben. Das blockiert seine Abgrenzungsfähigkeit gegenüber dieser Bezugsperson, aber auch gegenüber anderen.

Beim Verlust nimmt das Kind das Selbst der Bezugsperson (imaginär) in den eigenen Raum (dass Grenzen noch nicht klar ausgebildet sind. Dadurch kann sich das Selbst des Kindes nicht entfalten. Auch die Fähigkeit zur Abgrenzung und Differenzierung des eigenen Raumes bleibt blockiert.

Das Kind kann sich vor der Pubertät noch nicht von einer verlorenen Person verabschieden. Dabei kann es das Positive, was es mit dieser Person erlebt hat, noch nicht einem eigenen Selbst zuordnen. Das Kind orientiert sich noch stark an seinem Gegenüber. Um bei Verlust der Person nicht auch das gemeinsam Erlebte zu verlieren bleibt es mit der Person identifiziert. Doch diese Identifikation beeinträchtigt auch in Zukunft die klare Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremden. Es blockiert die Abgrenzung, auch zu anderen Personen, da dies zu einem Verlust des Identifikationsobjektes führen würde – verbunden mit Gefühlen des Verlassenwerdens, Gefühlen von Schuld oder Verrat. Das wirkt – unbewusst und lebenslang – wie ein Verbot, wie eine emotionale Konditionierung: es blockiert den entsprechenden Abgrenzungs-Impuls – noch bevor er bewusst werden kann.

Seelische und/oder körperliche Gewalt

Die frühe Erfahrung von seelischer und/oder körperlicher Gewalt führt zunächst zu einer Überschwemmung durch heftige, bedrohliche Gefühle: Hilflosigkeit, das Gefühl unwert zu sein, Todesangst, Schmerz, Wut, Verlust von Vertrauen und Verrat. Gleichzeitig muss das Kind diese Gefühle unterdrücken um zu überleben – insbesondere wenn der Täter zur Familie gehört.

Die Erfahrung von Gewalt verletzt die Grenzen des Opfers, welches die Identität des Täters in seinen Raum aufnimmt. Dadurch wird sein Selbst – zusammen mit den aggressiven Impulsen zur Abgrenzung – abgespalten

Der seelische Schmerz wird abgespalten (Dissoziation) und auch die Schutzimpulse der gesunden Abgrenzung werden unterdrückt um den überlegenen Täter nicht zu reizen. Oft muss sogar ein beschwichtigendes Verhalten dem Täter gegenüber an den Tag gelegt werden. Das Kind identifiziert sich dann mehr mit dem Täter; im illusionären Versuch ihn so zu kontrollieren, und orientiert sich mehr nach ihm, als am eigenen Selbst. So wird das eigene Selbst (unterbewusst) massiv abgewertet um zu überleben.

Stark traumatisiertes Umfeld

Extreme und ungelöste Erfahrungen von Verlust oder Gewalt wirken sich nicht nur im Leben der Betroffenen aus, sondern können auch über mehrere Generationen hinweg noch wirken. Dabei wird das Leid innerhalb eines Familiensystems durch das Aufeinandertreffen mehrere traumatisierter Person oft noch potenziert. So wachsen Kinder in einem Umfeld auf, dass von Traumareaktionen und den zugehörigen Überlebensstrategien geprägt ist. Dies wirkt sich nachhaltig auf die Autonomieentwicklung eines Kindes aus, da dessen Impulse zur Autonomie nicht wahrgenommen, unterdrückt oder – im Extremfall – sogar bekämpft und bestraft werden. Das Kind passt sich so immer stärker an die Erwartungen der traumatisierten Bezugsperson an und lernt sich mehr an ihren Erwartungen zu orientieren als an den eigenen Bedürfnissen. Es internalisiert die Erwartungen des Anderen.
Darüber hinaus erwarten Eltern oder Familienmitglieder, die durch eigene Verluste traumatisiert sind, häufig (unbewusst) vom ihrem Kindern, dass sie ihnen fehlende Bezugsperson ersetzen („Projektionen“). Sie fühlen sich dann durch das Autonomie-Bedürfnis des Kindes bedroht und reagieren darauf mit Liebes-Entzug, Manipulation oder Ablehnung.
Um zu überleben unterdrückt das Kind die eigenen Autonomie-Bedürfnisse, und identifiziert sich mit den Bedürfnissen der Eltern. Es gibt sich so, wie es sich der Andere wünschen würde – erschafft sich im Blick des Anderen neu – und legt sich ein „falsches Selbst“ zu. So trennt es sich vom Eigenen ab und entfremdet sich von seinem eigenen Selbst. Es orientiert sich mehr nach dem Elternteil und den Dingen, die in dessen Zuständigkeitsbereich fallen. Auch hier internalisiert das Kind das Elternteil. So wird das Elternteil zum Introjekt.

Das Kind übernimmt im Raum des vom Verlust betroffenen Elternteils verschiedene Rollen: z.B. von einem verlorenen Elternteil (1), einem nicht präsenten Partner (2), oder sogar dessen Selbst (3)

Dadurch verschwimmt die Trennung zwischen dem Raum des Kindes und dem Raum des Elternteils und das Kind nimmt Fremdpsychisches in seine eigene Identität auf

Das Symbiosemuster beim erwachsenen Menschen

Wird die Autonomieentwicklung durch die Erfahrung von Verlust, Gewalt oder einem traumatisierten Umfeld gehemmt oder gar gestoppt, entwickelt sich im Denken, Fühlen und Handeln der betroffenen Person ein Symbiosemuster. Bei diesem ist das Gespür für den eigenen seelischen Raum, der Kontakt zum eigenen Selbst und die Fähigkeit zur aktiven Schutz des eigenen Raumes – die eigentlich dabei helfen sollten sich aus den symbiotischen Beziehungen der Säuglings und Kinderzeit zu lösen – gehemmt oder gestört.

Die Aspekte des Symbiosemusters sind dabei ebenso wechselseitig miteinander Verflochten, wie die der oben besprochenen Autonomieaspekte. Für jeden der drei Autonomieaspekte lassen sich spezifische Merkmale der Autonomiehemmung und eines zugehörigen kompensatorischen Verhaltens benennen:

  1. RAUM: Durch mangelnde Differenzierung zwischen dem „eigenen Raum“ und „fremden Räumen“ verfügt die betroffene Person nur über sehr schwach ausgebildete Grenzen und kann nicht sicher unterscheiden zwischen „Ich“ und „Du“ – zwischen dem Eigenen und einem fremden Zuständigkeitsbereich. Sie neigt daher eher dazu, im fremden Raum Rollen zu übernehmen, bzw. dem Gegenüber im eigenen Raum eine Rolle zu zuschreiben. Das ist verbunden mit einem enormen Verlust an Energie und einem unterschiedlichen Grad der Verwirrung.
  2. SELBST: Die mangelnde Differenzierung stört die Fähigkeit des Betroffenen einen klaren Kontakt mit dem eigenen Selbst aufzubauen. Sie entfremden sich zunehmend von ihrem eigenen Selbst – ihren tiefen Bedürfnissen und Überzeugungen – und orientieren sich mehr an den Bedürfnissen und Überzeugungen anderen Personen, die sie wie ein Introjekt verinnerlichen.
  3. ABGRENZUNG – Durch das fehlen klarer Grenzen zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ kann sich das natürliche Aggressionspotential der Betroffenen nicht entfalten. Es fehlt ein gesunder Kanal, durch den die Aggression Identitätsstiftend und –erhaltend wirken kann. Das natürliche Aggressionspotential wird von der bewussten Identität der Betroffenen abgespalten und sucht sich andere Kanäle: Selbst- und Fremdschädigung.

Das Symbiosemuster kann als eine Überlebensstrategie des Kindes in einer Autonomie-feindlichen Umgebung verstanden werden. Diese Überlebensstrategie wird unbewusst gespeichert, im Sinne einer tiefsitzenden Konditionierung.
Diese Konditionierung bestimmt auch später noch das Beziehungserleben sowie die Selbst- und Fremd-Wahrnehmung des Erwachsenen. Es führt zu Energieverlust (Erschöpfung, Depression), zu einem Verlust der Selbstachtung und zu Desorientiertheit. Das Symbiosemuster kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. In einer leichteren Form ist es sehr verbreitet, und verursacht Beziehungsstörungen: zu den Eltern, den Geschwistern, zu einem Partner und zu den eigenen Kindern, und zur Arbeit (Burnout). Bei stärkerer Ausprägung kann es auch psychische Störungen verursachen, einschliesslich Depression, Borderline-Störung und Psychose.
Dies Muster ist so weit verbreitet, dass viele Menschen symbiotisches Verhalten für „normal“ erachten. Es wird sogar oft fälschlich rationalisiert und romantisiert, so als wäre es ein Ausdruck von reiner „selbstloser“ Liebe, während es im Kern eher eine individuelle Überlebensstrategie darstellt. Im Gegensatz zu echter Liebe und Wertschätzung ist im Symbiosemuster nämlich weder Platz für Selbstwahrnehmung, noch für eine echte Wahrnehmung des Anderen. Deshalb werden Autonomiebemühungen in einer symbiotischen Beziehung auch oft als verletzend, egoistisch oder Beziehungsfeindlich erlebt.

Das Symbiosemuster im erwachsenen Beziehungserleben

Ein früh erlerntes Symbiosemuster bestimmt auch im Erwachsenenalter noch das gesamte Beziehungserleben einer Person. Das lässt sich besonders innerhalb von Paarbeziehungen beobachten: Ohne klar differenzierte Grenzen erlebt A die Bedürfnisse und Schwierigkeit von B so als wären es die eigenen. A orientiert sich deshalb völlig nach B und hält diese Verhalten für „Liebe“. Dieselbe „Liebe“ erwartet er von B. Aber diese „Liebe“ ist gegenseitige Abhängigkeit – das Gegenteil von Autonomie.

Die symbiotische Liebesbeziehung

So entsteht eine Bindung durch Abhängigkeit. Gleichzeitig ist die symbiotische Nähe zwischen A und B so groß, dass in der Beziehung weder für das Selbst von A noch für das Selbst von B Platz ist. Für beide fungiert die symbiotische Nähe als ein Ersatz für das eigene Selbst, so dass sie weder sich selbst noch den Anderen als die Person wahrnehmen könne, der er oder sie eigentlich ist.
Diese Form von Selbstverleugnung und Abhängigkeit in der Beziehung geht meist eine Zeit lang gut – letztendlich sorgt sie aber für Wut. Diese Wut ist nichts andere als ein Ausdruck der gesunden Aggression, die eigentlich für die Abgrenzung und die Begegnung von A und B notwendig wäre. Doch da keine Grenzen existieren hat die Aggression in der Beziehung keinen Platz. Deshalb richten die Betroffenen die Wut oft gegen sich selbst. Sie bekommen Schuldgefühle, Ängste, Depression, Krankheit – um so den Anderen nicht zu verletzen oder zu verlieren. Oder die Wut „entlädt“ sich an einer unpassenden Stelle. So kommt es zu Streitereien, beziehungsschädigendem Verhalten und – im Extremfall – zu seelischen und körperlichen Verletzungen. Oft werden diese Beziehungen als „Schicksalshaft“ erlebt. Man kann nicht Miteinander und auch nicht Ohneeinander und eine Trennung. Gegenseitige Verletzungen und symbiotische Nähe wechseln sich in immer häufigeren Phasen ab, bis die Beziehung am Ende zerbricht, ohne das die Betroffenen sich danach noch in die Augen sehen können.
In einer autonomen Liebesbeziehung ist es dagegen für beide Partner möglich, dem eigenen Selbst Ausdruck zu verleihen. Auch und gerade im Kontakt oder Konflikt mit den Partner. Das sorgt für einen echten und authentischen Austausch zwischen den beiden Partnern. Der Partner wird als ein unabhängiges Selbstwahrgenommen und wirkt gerade wegen seinem Selbst anziehend:

Die autonome Liebesbeziehung

Solch eine Bindung durch Anziehung hat eine ganz andere Qualität als die symbiotische Bindung durch Abhängigkeit, in der für das eigene Selbst und das Selbst des Partner keinen Platz ist.

Als Abschluss: Den eigenen Autonomie-Index kennenleren

Alle bis zu diesem Punkt beschriebenen Erkenntnisse über Autonomieentwicklung, Autonomiehemmung und Symbiosemuster lassen sich in einem einfachen Diagramm zusammenfassen:

Das Autonomie-Diagramm

Durch dieses Diagramm und den zugehörigen Fragebogen – Bezugsquellen finden sich am Ende des Artikels – wird es möglich den eigenen „Autonomie-Index“ besser einzuschätzen.
Die drei Aspekte der Autonomie: RAUM, SELBST und ABGRENZUNG entsprechen im sechsstrahligen Stern des Diagramms den drei Punkte A, B und C in der oberen Hälfte des Diagramms: Abgrenzung gegenüber Fremdem (A) entspricht dem Aspekt des RAUMS, die Verbindung mit dem Eigenen (B) dem SELBST, und die Integration aggressiver Impulse (C) entspricht der ABGRENZUNG:

RAUM SELBST ABGRENZUNG
A B C
Abgrenzung gegenüber Fremdem Verbindung mit dem Eigenen Integration aggressiver Impulse

Das Symbiosemuster wird als Überlebensstrategie bei einer Beeinträchtigung der Autonomie verstanden. Deshalb kann jeder Aspekt des Symbiosemusters auch auf eine Einschränkung von einem der drei Aspekte der Autonomie (A bis C) zurückgeführt werden. Gleichzeitig führt jede Einschränkung eines der Autonomie-Aspekte zur Ausbildung eines zusätzlichen kompensatorischen Verhaltensmusters. Daraus ergeben sich die Punkte F bis D in der unteren Hälfte des Diagramms:

  RAUM SELBST GRENZE
  A B C
Autonomie Abgrenzung gegenüber Fremdem Verbindung mit dem Eigenen Integration aggressiver Imulse
Autonomiehemmung Überabgrenzung Dominanz Destruktion (Abspaltung aggressiver Impulse)
  D E F

Kann eine Person nicht klar zwischen dem eigenen Raum und fremden Räumen differenzieren, dann verfügt sie nur über schwache persönliche Grenzen. Ihre Fähigkeit zur Abgrenzung (A) ist gehemmt. Sie spürt mehr die Erwartungen und Bedürfnisse des Gegenübers als die eigenen und ist wie mit diesen Verschmolzen Um sich nicht gänzlich im Fremden zu verlieren und um nicht manipuliert und benutzt zu werden, kompensiert sie die mangelnde Abgrenzung durch Überabgrenzung (D): sie zieht sich z.B. emotional zurück, geht auf Distanz oder bricht den Kontakt abrupt ab.
Ist die Selbst-Verbindung (B) – und damit das Selbstwertgefühl – gehemmt, versucht die betroffene Person, den eigenen Selbstwert zu verbessern, indem sie in fremden Räumen aktiv wird und sich in diesen zuständig fühlt. Dabei entwickelt sie ein kompensatorisches Verhalten, das von Übergriffigkeit und Dominanz (E) geprägt ist. Sie kann fremde Grenzen und die Zuständigkeit Anderer für sich selbst, nicht wahrnehmen und sieht es als ihre Aufgabe an, deren Verantwortlichkeiten zu übernehmen.
Ist dann, last but not least, die Fähigkeit zur aktiven Abgrenzung – Integration der eigenen Aggression (C) – gehemmt, dann „staut“ sich das ungenutzte aggressive Potential und entlädt sich über andere Wege. Sie wird destruktiv und richtet sich gegen sich selbst oder gegen andere: Selbst-– und/oder Fremd– Destruktion (F).
Um die persönliche Ausprägung innerhalb des Spektrums des Autonomie-Diagramms besser einschätzen zu können, wurde von Ernst Robert Langlotz ein 36 Fragen umfassender Fragebogen entwickelt. Dieser Fragebogen kann keine verbindliche Darstellung über die Autonomie einer Person leisten, aber er liefert in der Praxis – zusammen mit der üblichen Anamnese – eine sehr gute und verlässliche Annäherung an das Autonomie-Profil eines Klienten. Er zeigt der TherapeutIn – aber auch der KlientIn – das Ausmaß des Symbiosemusters und die Veränderungen durch Therapie.

Dieses Diagramm spiegelt die Struktur einer Klient*in zu verschieden Punkten des Therapieverlaufes wieder: vor (rot) und 2 (grün) bzw. 4 (blau) Monate nach Beginn einer Therapie.

Die im Fragebogen ermittelten Werte werden in das Autonomie-Diagramm eingetragen. Dabei ist zu beachten, dass im oberen Autonomie-Bereich, die Skalierung von unten/innen nach oben/außen zunimmt und die Skalierung im unteren Bereich der umgekehrt – von außen/unten nach innen/oben – verläuft. Bei dieser Anordnung ergibt sich bei niedrigen Autonomie-Werten und hohen Kompensations-Werten ein kleiner Kreis. Je größer der Kreis desto ausgeprägter ist die Autonomie.
Die Hemmung der Autonomie kann man am Grad der Einschränkung der Autonomie-Aspekte A, B und C und der Erhöhung der Werte D, E und F ablesen. Die ermittelten Werte ermöglichen es, eine ungefähre Ausprägung – oder Einschränkung – der Autonomie einzuschätzen und als „Autonomie-Index“ bzw. „Hemmungs-Index“ zu formulieren.

Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, jetzt neugierig geworden sind, den eigenen „Autonomie-Index“ besser kennenzulernen, dann können sie den Fragebogen und das zugehörige Diagramm kostenlos auf der Homepage von Dr. Langlotz herunterladen, und zwar unter:

Selbst-Diagnose

Dort finden sie auch wertvolle Anleitungen, wie sie mit den Prinzipien dieser Methode erste eigene Erfahrungen sammeln können:

Selbst-Therapie

Den Autor dieses Artikels erreichen sie unter:

https://www.kutzelmann-aufstellungen.de

Dr. Philipp Kutzelmann