Das Prinzip Verzicht

Das Prinzip Verzicht: Ökologische Wege in eine nachhaltige Zukunft

Von Götz-Dietrich Opitz ©

Inhalt

Abstract:

Angesichts der drohenden Klimakatastrophe ruft der Autor ausgehend von Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnung“ und Hans Jonas „Das Prinzip Verantwortung“ sowie der Studie des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ dazu auf, das ethische „Prinzip Verzicht“, für das der zelluläre Prozess der Autophagie im Heilfasten als Metapher dient, auszuarbeiten. Dieser erweiterte „ökologische Imperativ“ wird propagiert, um das in der Moderne unter dem Diktat des Komparativs stehende, klimaschädliche Konsumverhalten zur massenhaften Bedürfnis-befriedigung (Maslow) des gegenwartsfixierten Menschen, das als Ersatzhandlung für mangelnde Sozialbeziehungen interpretiert wird, zu überwinden. Der Artikel schließt in Anlehnung an die transnationalen Schülerproteste „Fridays For Future“ mit den Worten: „Verzicht ist Hoffnung in Verantwortung“.

(Absatzüberschriften)

  1. Vor 50 Jahren: Die Studie „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome von 1972
  2. Konsum, Wirtschaftsgüter und die Maslowsche Bedürfnispyramide
  3. Das Diktat des Komparativs: Wachstumsideologie und das Bedürfnis nach mehr
  4. Paradoxer Lebensstil: Gegenwartsfixierung und „ökologischer Fußabdruck“
  5. Die Selbstsabotage des Menschen: Konsum-Folgen-Abstand und Verzicht
  6. Konsum als Ersatzbefriedigung: Der „Coffee-to-go“-Becher als Metapher
  7. Konsumfixierung und mangelhafte Bindungsfähigkeit in der Wegwerfgesellschaft
  8. Staat, Individuum: Verantwortung für Konsum als „Klimakiller Nummer Eins“
  9. Heilfasten und das „Prinzip Verzicht“: Die Autophagie als Metapher
  10. Geniale Geister im Anthropozän: Öko-TÜV, Verbote und Meta-Geschichten
  11. Parents, Scientists for Fridays for Future: Verzicht als Hoffnung in Verantwortung

„Was wir noch mehr brauchen als Hoffnung ist Action. Wenn wir erstmal anfangen, etwas zu tun, dann gibt es auch Hoffnung“, sagte Greta Thunberg auf der Klimakonferenz in Polen im Dezember 2018. Die 16-jährige Umweltaktivistin aus Schweden und Trägerin der „Goldenen Kamera“, die Tausende von Jugendlichen ihres Alters weltweit zum Schulstreik angeregt hat, legt das viel zitierte Prinzip Hoffnung auf ihre eigene Weise aus. Ein Prinzip, für das beispielsweise Mitte März 2019 zahllose Schüler in fast 100 Ländern auf mehr als 1.300 Demonstrationen protestierten.

„Das Prinzip Hoffnung“, das von Hegel und Marx beeinflusste Hauptwerk des deutschen Philosophen Ernst Bloch, erschien 1954, nur wenige Jahre nach dem erschütternden Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus. Darin entfaltet Bloch eine umfangreiche Philosophie konkreter Sozialutopien und analysiert die „Grundrisse einer besseren Welt“, die von der spätbürgerlichen Wissenschaft nur noch quantitativ wahrgenommen werde. Mit diesem quantitativen Naturverständnis, das alle Tauschgüter in Waren verwandelt, könne indes die Natur, die „schöpferische Materie“ sei, nur überlistet oder ausgebeutet werden. Es komme darauf an, „das Hoffen zu lernen“.

Der in Deutschland geborene Philosoph Hans Jonas formulierte 1979 eine Kritik an Blochs „Prinzip Hoffnung“, dem er sein Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ entgegensetzte. Jonas vertritt die These, dass die tradierten Ethiken wie die Maxime der Nächstenliebe den durch moderne Wissenschaft veränderten Bedingungen nicht mehr gerecht werden. Da Technik nunmehr über enorme Handlungsreichweiten in Raum und Zeit verfüge, müsse man Ethik zur „Fernstenliebe“ erweitern. So begründete Jonas in der Forderung, die Theorie einer neutralen Natur zu überwinden und deren Eigenrechte anzuerkennen, einen neuen ethischen Imperativ, der auch als „ökologischer Imperativ“ bekannt wurde.

Einige Ideen von Jonas scheint die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972 vorweg- genommen zu haben, war ihr Ausgangspunkt aus der Sicht des Individuums doch folgender: Das aktuelle lokale Handeln aller habe, so die Autoren, globale Auswirkungen, die jedoch nicht dem Zeithorizont und Handlungsraum der Einzelnen entsprechen. Der Club of Rome, der 1968 gegründete Zusammenschluss von Experten verschiedener Disziplinen aus mehr als 30 Ländern, wurde für diese Studie – gleichsam eine mit wissenschaftlichen Methoden verfasste Dystopie – 1973 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. So wichtig wie sie ist, scheint sie dennoch in Vergessenheit geraten zu sein.

Vor 50 Jahren: Die Studie „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome von 1972

„Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung“, so die zentrale Schlussfolgerung der Studie, „der Industrialisierung, der Umweltzerstörung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“ Die Autoren redeten dem Prinzip Hoffnung das Wort angesichts „ganz neuer Vorgehensweisen“, die erforderlich seien, um die Menschheit auf „Gleichgewichtszustände“ auszurichten anstatt auf weiteres Wachstum: „Wir … hoffen, dass diese Veröffentlichung dazu beiträgt, die hierfür notwendigen Kräfte zu mobilisieren.“ Die Autoren von 1972 erwähnten zwar die Wirkungen der Treibhausgase auf das Klima, konnten aber deren Folgen noch nicht abschätzen.

20 Jahre später gelang 1992 mit der Veröffentlichung „Die neuen Grenzen des Wachstums“ der Überblick über den menschengemachten Treibhauseffekt sehr viel besser; die Ergebnisse blieben in der Tendenz ähnlich. Im Jahr 2004 veröffentlichten dann die Autoren das „30- Jahre-Update“ und resümierten, dass die Fortführung des „business as usual“ zum Kollaps ab dem Jahr 2030 führe – aus heutiger Sicht also in gut zehn Jahren. Erst eine ehrgeizige Mischung aus Kontrolle des Bevölkerungswachstums, Verminderung des Schadstoffausstoßes und Einschränkung des Konsums ergebe eine nachhaltige Gesellschaft bei knapp 8 Mrd. Menschen. 2010 wies das Worldwatch Institute in seinem „State of the World Report“ darauf hin, dass der weltweite Konsum „Klimakiller Nummer Eins“ sei. Der Bericht ist nur einer unter vielen Studien, die die Wirkung des globalen Konsums auf den Klimawandel betonen.

So gab schon viele Jahre zuvor Peter J. Opitz 1997 in „Der Globale Marsch: Flucht und Migration als Weltproblem“ zu bedenken: „Angesichts der sich insbesondere in der asiatisch- pazifischen Region rasant vollziehenden Industrialisierung und Modernisierung, die mit einer starken Motorisierung und einer schnellen Zunahme des Flugverkehrs verbunden ist, sowie der blinden Nachahmung energieintensiver westlicher Konsumgewohnheiten und Lebensstile, erscheint es ratsam, für die prognostizierten Folgen der Klimaveränderung rechtzeitig Vorsorge zu treffen“. Umweltzerstörung ist für Opitz ein „migrationsrelevanter Komplex“.

Von den Ländern des „Nordens“, so Opitz weiter, müsse die „Bereitschaft zu einer grundlegenden Umstellung der während der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts entwickelten Konsumgewohnheiten und Lebensstile, Wertesysteme und Produktionsweisen“, verlangt werden, „die zur Übernutzung knapper werdenden Ressourcen wie zur Überforderung einer schon heute in vielen Bereichen überlasteten Umwelt geführt haben“… Das im „Westen“ entstandene „Zivilisationsmodell“ und die hier dominierende Wirtschaftsweise seien „nicht globalisierungs- und damit auch nicht zukunftsfähig“, weshalb für die Länder des „Südens“ statt „nachholender `nachhaltige Entwicklung´ notwendig“ sei. Und dann kam 2015…

Konsum, Wirtschaftsgüter und die Maslowsche Bedürfnispyramide

Allgemein versteht man unter Konsum den Verbrauch von Gütern. Da Güter schon immer verbraucht wurden, ist Konsum so alt wie die Menschheit. In der Wirtschaftswissenschaft bezeichnet man als Gut alle Mittel, die der Bedürfnisbefriedigung dienen und über ihre Knappheit definiert werden. Sowohl Investitionsgüter – zur Produktion oder Weiterverarbei-tung von Gütern eingesetzt – als auch Konsumgüter verbrauchen in der Herstellung Rohstoffe und Energie. Die als knapp definierten Wirtschaftsgüter bilden den Ausgangspunkt menschlichen Wirtschaftens, verstanden als das betriebswirtschaftliche Entscheiden über knappe Güter, die beim einzelnen Konsumenten irgendeinen Nutzen stiften und die aus volkswirtschaftlicher Sicht in ihrer Gesamtheit die ökonomische Wohlfahrt bestimmen.

Auch das „unreine öffentliche Gut“ Luft droht unter den Bedingungen der Luftverschmutzung zum knappen Gut zu werden. Das trifft auch auf das Wasser zu: Der UN-Weltwasserbericht 2019 warnt vor zunehmender Wasserknappheit, wovon Menschen in den ärmsten Regionen der Erde besonders betroffen seien. Durch den Klimawandel drohe sie weiter zuzunehmen, so dass der weltweite Wasserbedarf bis 2050 um 20-30% steigen werde. Es ist bekannt, dass beispielsweise die Fleischproduktion Unmengen an Wasser verschlingt.

Die menschlichen Bedürfnisse, die – unter anderem – Wirtschaftsgüter befriedigen, sind unterteilbar in primäre (z.B. Durst) und sekundäre Bedürfnisse. Die Maslowsche Bedürfnis-pyramide von 1943/1970 teilt sie ein in Defizitär- und Wachstumsbedürfnisse. Erstere, die den ersten drei Stufen der Pyramide entsprechen (Physiologische Bedürfnisse wie Grund- und Existenzbedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse sowie Soziale Bedürfnisse), können vollständig befriedigt werden, bis sie wieder auftreten (z.B. Hunger). Bei den Wachstumsbedürfnissen auf Stufe 4-8 (Individualbedürfnisse nach z.B. Anerkennung und Wertschätzung, Kognitive sowie Ästhetische Bedürfnisse, Selbstverwirklichung und Transzendenz) hingegen ist dies weniger möglich, da sie keine natürlichen Grenzen haben.

Als Mittel zur Absatzsteigerung in einer Konsumgesellschaft, in der Menschen nicht nur das konsumieren, was sie zum Überleben benötigen, dient die moderne Werbung der Erweckung von „emotionalen Zusatzbedürfnissen“, die latent im Verborgenen schlummern. Die Verbraucherpsychologie legt als Teil der Wirtschaftspsychologie den Schwerpunkt auf das Verbraucherverhalten, insbesondere dessen Entscheidungsfindung. Im 18. Jahrhundert war es zunächst dem Adel vorbehalten, Prestigekonsum von Luxusgütern zu pflegen. Im 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts wurden mit wachsendem Einkommen des Bürgertums viele Luxusgüter und hochwertige Dienstleistungen allmählich zur Massenware.

Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte ist das rasant wachsende Angebot an Billigflügen zur Befriedigung massenhafter Mobilitätsbedürfnisse: Galten früher Flüge als Luxusgut, wurden in Deutschland 2014 rund 942.000 Flugzeugstarts gezählt, Tendenz stark steigend – und mit Folgen für die Erderwärmung, entstehen doch beim Verbrennen von Kerosin klimaschädliche Abgase. Den flugreichsten Tag in der Luftfahrtgeschichte mit genau 202.157 gestarteten Flügen erlebte die Menschheit laut Flug-Tracker Flightradar24 am 29. Juni 2018, mitten in den Sommerferien, an einem einzigen Tag. Dieses Datum zeigt, dass das Beschleunigungs-paradigma der postmodernen Leistungsgesellschaft auch die Ressource „Zeit“ zu einem knappen Gut werden lässt, die es zu sparen gilt – gerade zur Urlaubszeit, wo man möglichst schnell weit entfernte Ziele erreichen möchte.

Das Mangelbedürfnis Hunger, einer der vier apokalyptischen Reiter, wurde heute zu einem Wachstumsbedürfnis. Dieser galt seit Jahrtausenden als der schlimmste Feind der Menschheit. Die meisten Menschen lebten an der biologischen Armutsgrenze, Unterernährung war ein ständiger Begleiter. Das begann sich in den vergangenen hundert Jahren stark zu ändern, so dass heute in vielen Ländern nicht der Hunger, sondern der Überfluss an Nahrungsmitteln das weitaus größere Problem darstellt: 2014 waren mehr als 2,1 Mrd. Menschen übergewichtig, nur 850 Mio. litten an Unterernährung. An letzterer starben 2010 rund 1 Mio. Menschen, während drei Mio. Menschen der Fettleibigkeit zum Opfer fielen. Zwischen 1979 und 1999 stieg der Fleischkonsum weltweit von 29,5 kg auf 36,4 kg pro Kopf und Jahr, in den Industrieländern gar von 78,5 kg auf 88,2 kg. Studien belegen, dass der Fleischkonsum stark zum Klimawandel beiträgt… – „Die Dosis macht das Gift“ (Paracelsus)

Das Diktat des Komparativs: Wachstumsideologie und das Bedürfnis nach mehr

Die Zahlen zeigen, dass das absolute Wachstum des Konsums wenig mit einer wachsenden Weltbevölkerung zu tun hat, wird doch pro Kopf mehr verbraucht. Woher kommt dieser Wachstumsglaube, dieses Bedürfnis nach mehr – nach immer schneller, größer, höher, weiter?

Einer von vielen Faktoren ist die Entwicklung des Protestantismus, insbesondere in der Neuen Welt. So erklärt die Max-Weber-These das Leistungsgefälle zwischen protestantischen und katholischen Ländern mit den ökonomischen Folgen religiöser Vorstellungen. Die calvinistische Prädestinationslehre der Puritaner, die im öffentlichen Leben der britischen Kolonien zentral war, führte im jungen, durch zwei Ozeane geschützten, an Bodenschätzen reichen und von bremsenden aristokratischen Traditionen unbeeinträchtigten Amerika zu einem Missverständnis, das den praktischen Lebenserfolg als Zeichen der göttlichen Erwählung deutete. So führten die ökonomischen Konsequenzen religiöser, calvinistisch geprägter Überlegungen unbeabsichtigt zu starker Kapitalakkumulation.

Die von utopischen Sehnsüchten angetriebenen Puritaner fühlten sich als Auserwählte Gottes und waren davon überzeugt, dass sich die Heilsgeschichte in einer Serie aufeinanderfolgender Entwicklungsstufen entfaltet, jede mit ihrem eigenen, zunehmend höheren Offenbarungsgrad („Dispensationalismus“). In dieser Sichtweise ist das ganze Alte Testament ein heiliger Boten-gang zum Neuen, alle Geschichte nach Christi Geburt ein Botengang zu Christi Wiederkunft, der von der Verheißung zur Erfüllung führt. Die puritanische Rhetorik Neuenglands („Jeremiade“: Sacvan Bercovitch) spiegelt dieses lineare, kumulative und eschatologisch auf das Millennium (tausendjähriges Reich) hinsteuernde Geschichtsverständnis wider.

Die Millenniumsvorstellungen vieler amerikanischer – und europäischer – Chiliasten umfassten die Zunahme materiellen Wohlstands sowie die Intensivierung intellektueller Aktivität in Form von landwirtschaftlichen Verbesserungen, wissenschaftlichen Fortschritten und technologischen Erfindungen. Die Jeremiade beschwört als rhetorisches Ritual die mythische Vergangenheit der Bibel, um in diesem Sinne mit „chiliastischer Ungeduld“ (Götz-D. Opitz) immer und immer wieder Fortschritt einzufordern, der die Puritaner zu einer immer höheren und helleren Erlö-sungsstufe göttlicher Fügung führen würde. Im puritanischen „Bible Commonwealth“ stellte sich daher das ganze Leben als ein Durchgang zu etwas Großartigerem und Herrlicherem dar. So stand Amerika seit den ersten Siedlungsversuchen unter dem „Diktat des Komparativs“ (Gert Raeithel). Erwin Faul bezeichnet die Fortschrittsidee als den „selbstbestätigenden und inspirierenden Zentralgedanken der neuzeitlichen Entwicklung des Abendlandes“.

„Da die Entdeckung der Neuen Welt die Alte Welt erst alt machte“, so Jörg Jochen Berns, „konstituierte sich mit dieser Entdeckung die Neuzeit“. Mit ihren vom zukunftsgewandten Fortschrittsgedanken angestachelten Eroberungen lernten die Europäer, neuen Beobachtungen größeres Gewicht beizumessen als alten Überlieferungen und in die Zukunft immer mehr Vertrauen zu investieren, das man „Kredit“ nennt. So wuchsen die modernen Wissenschaften mit den europäischen Imperien. Ein Bündnis, das den militärisch-industriell-wissenschaftlichen Komplex entstehen ließ. Adam Smith legitimierte diesen Zusammenhang mit seinem Buch „Wohlstand der Nationen“, das „vielleicht wichtigste wirtschaftliche Manifest aller Zeiten“, so Yuval Noah Harari. Es trug zur Entstehung der „Religion des Kapitalismus“ bei, in deren Zentrum der „Glaube an das grenzenlose Wachstum“ steht. Drei Jahrhunderte lang waren die Europäer die unumstrittenen Herrscher Amerikas, Ozeaniens, des Atlantiks und Pazifiks. Die nicht-europäischen Nationen entwickelten erst im 20. Jahrhundert eine globale Sicht.

Diese Entwicklung umfasste aber auch die Entstehung eines Verantwortungsbewusstseins, das aus christlicher Hoffnung erwuchs: Während man sich zuvor im Vertrauen auf die göttliche Fügung mit der Vorhersage über den Anbruch des Gottesreiches begnügte und sich im Warten auf die Parusie (Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag) reinigte, glaubte man nun zunehmend, die Wiederkehr des transzendenten Paradieses durch menschliche Aktivität erzwingen zu können, worin sich die Hoffnung auf Selbsterlösung des Menschengeschlechts widerspiegelte. „Die Geschichte säkularisieren“, so Raymond Trousson, „heißt, eine menschliche Verantwortung schaffen“… – Seit Beginn der Industrialisierung sind vor allem die USA und Europa für die globale Erwärmung verantwortlich, auch wenn im Jahr 2015 China vor den USA und Europa am meisten Kohlenstoffdioxid durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe ausgestoßen hat.

Paradoxer Lebensstil: Gegenwartsfixierung und „ökologischer Fußabdruck“

Wie sehr unsere Gegenwart vom „Diktat des Komparativs“ beherrscht wird, verdeutlicht das große Interesse, das dem Oscar-prämierten Dokumentarfilm „Free Solo“ zuteilwird. Er zeigt einen der berühmtesten Freikletterer der Welt, Alex Honnold, dabei, wie er als erster die 900 Meter hohe Steilwand El Capitan im Yosemite-Nationalpark ganz alleine, ohne Hilfsmittel und in nur drei Stunden bezwingt. Detailliert geplante Naturbewältigung, individuelle Leistungsbereitschaft und wagemutige Lust am Todesrisiko sind die Themen, die die Faszination für diesen Film ausmachen – während wir in der Sicherheit unserer Wohlstandsgesellschaft gebannt auf Leinwand oder Bildschirm schauen; und zumindest für die Länge des Films das knappe Gut der uns zur Verfügung stehenden Zeit vergessen.

Wie sehr die Zeit zum knappen Gut geworden ist, kann man jeden Morgen in Deutschlands Straßen beobachten, wenn Passanten oder auch Autofahrer auf dem Weg zum Arbeitsplatz ihren „Coffee-to-go“ aus Einweg-Bechern mit Plastik hinunterkippen, anstatt ihn 10-15 Minuten lang zu Hause zu genießen, wo man stattdessen ein wenig länger schlafen konnte. In München werden täglich 190.000 dieser Becher verbraucht, bundesweit sind es rund 320.000 – jede Stunde! Arbeitsweg und Kaffeegenuss in einem, so glaubt man, spart Zeit. Dieser erkaufte Zeitgewinn trägt zur „Plastifizierung“ der Welt bei, deren Meere bald mehr Plastikteile als Fische zählen; vom Mikroplastik in der Nahrungskette ganz zu schweigen.

Pixabay License, Coffee-to-go, freie kommerzielle Nutzung, kein Bildnachweis nötig, 05.04.2019

Viele Konsumgüter, groß oder klein, wecken Begierde mit der erleichternden Aussicht, durch ihren Kauf – praktisch und bequem – mehr Zeit zu haben, die man in unserem hektischen und stressigen Leben nicht mehr zu haben glaubt. Zu diesen Effizienzerwägungen gehört auch der zentralisierte, stetig wachsende Online-Handel, getätigt unterwegs vom Smartphone aus oder vom heimischen PC. Oder das Automobil, das dem Fahrer nicht nur Mobilität, sondern auch Individualität, Unabhängigkeit, Komfort und Status verspricht – jedoch als Massenphänomen, gerade zu den Stoßzeiten, durch Staus, Abgase und Feinstaub täglich zum zeitverzehrenden und Gesundheit gefährdeten Verkehrsinfarkt führt. Der Straßenverkehr gehört in Deutschland zu den großen Klimasündern mit 163 Mio. Tonnen CO2-Ausstoß. Das entspricht in etwa 32,6 Bio. Luftballons mit einem üblichen Volumen von jeweils ca. 2,5 Liter. Pro Tag verursacht ein durchschnittlicher Deutscher 6.000 Luftballons voller CO2.

Dieser paradoxe Lebensstil ist gegenwartsfixiert und verstellt den Blick auf die kollektive Zu-kunft, die von eben diesem individuellen Lebensstil in der Masse negativ beeinträchtigt wird. Die 2003 von Wissenschaftlern gegründete NGO Global Footprint Network (GFN) errechnet jährlich den „Erdüberlastungstag“; also den Tag, an dem die Menschheit das Jahresbudget an natürlichen Ressourcen verbraucht hat (http://data.footprintnetwork.org). 2018 datierte ihn GFN auf den 1. August, für den Rest des Jahres lebte die Welt auf Pump. 2019 wird dieser Tag wohl erneut etwas früher zu datieren sein, die meisten Länder überziehen ihr Konto jedes Jahr aufs Neue. Der deutsche Erdüberlastungstag 2018 war am 2. Mai: Wäre der Ressourcenverbrauch der Weltbevölkerung so groß wie hierzulande, bräuchten wir drei Erden. Die Deutschen leben damit auf Kosten kommender Generationen und auf Kosten des globalen Südens.

Auf dem GFN-Portal kann man auch seinen eigenen „ökologischen Fußabdruck“ abbilden lassen. Die errechneten Werte von Menschen, die das „westliche Zivilisationsmodell“ leben, liegen weit über dem nachhaltigen Wert der Zahl „1“. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ kommt aus der Forstwirtschaft und meint ein Prinzip, wonach nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann. Westliche Konsumgewohnheiten sind nicht nachhaltig, sie führen zwangsläufig zum Kollaps. Dennoch hat in den vergangenen 15 Jahren, seit das „30- Jahre-Update“ angemahnt hat, den Konsum einzuschränken, kaum jemand sein Konsumverhalten geändert. Auch wenn die Daten und Fakten, die auf die Apokalypse hinweisen, seit fast 50 Jahren hinreichend bekannt sind.

Die Selbstsabotage des Menschen: Konsum-Folgen-Abstand und Verzicht

Wir wissen also durchaus, was grundsätzlich gut für uns und gleichzeitig für die Umwelt wäre, dennoch handeln wir nicht danach. Warum ändert der Mensch sein Konsumverhalten nicht? Warum betreibt der Mensch und die Menschheit Selbstsabotage? Gibt es Mittel und Wege, diese „Selbstsabotage zu sabotieren“ (Gert Scobel)?

Der moderne Mensch ist, wie gesehen, in eine Situation gestellt, in der Wissenschaft und Technik sowie durch diese veranlasster Konsum – laut Schätzungen beruhen etwa 30% des Bruttoinlandsprodukts auf Erkenntnissen der Quantenphysik (z.B. CD/DVD-Player) – enorme Handlungsreichweiten in Raum und Zeit ermöglichen, deren globalen Auswirkungen jedoch nicht dem Zeithorizont und Handlungsraum der Einzelnen entsprechen. Eine erste Antwort auf die Frage oben ist also: Der Abstand zwischen individuellem Tun und kollektiven Folgen muss verringert – und erlebbar – gemacht werden. Es zeichnen sich zwar die Folgen dieses Tuns schon deutlich am Horizont ab, doch tun sie noch nicht so richtig weh.

Auch wenn sich extreme Wetterphänomene häufen – wie z.B. die ungewöhnlich große Dürre in Deutschland im Sommer 2018, die auf eine „Heißzeit“ hindeutet. Die Nachteile der Hitze-periode bekam zwar die industrielle Landwirtschaft schon deutlich zu spüren, doch viele Menschen freuten sich über die Vorteile ausgedehnt hoher Temperaturen in der sommerlichen Freizeit – auch wenn hierzulande laut Deutschem Wetterdienst das Jahr 2018 mit einer Durchschnittstemperatur von 10,4 Grad das wärmste Jahr seit Messbeginn vor fast 140 Jahren war… Wenn aber der weltweite Konsum „Klimakiller Nummer Eins“ ist, dann muss das allgemeine Ziel lauten: Verzicht! Ein erweiterter „ökologischer Imperativ“ (Jonas) sollte im Zentrum einer neuen Ethik stehen, die grundsätzlich die Bereitschaft zum Verzicht erhöhen hilft und somit Nachhaltigkeit ermöglicht und fördert.

„Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“. Unmittelbare Bedürfnis-befriedigung durch Konsum („instant gratification“) ist direkt spürbar und nachvollziehbar, ihre Vorteile sind als Belohnung direkt erlebbar und rechtfertigbar. Belohnungsaufschub („delayed gratification“) zugunsten eines höheren Gutes wie ein nachhaltiges Klima erfüllt unter den Bedingungen der Gegenwartsfixierung diese Kriterien nicht. Warum sollte man auf eine sofortige und anstrengungslose, kleinere Belohnung verzichten, um stattdessen eine größere Belohnung in der Zukunft zu erhalten?

Das „Prinzip Verzicht“ als ethisch fundierter „Marshmallow-Test“ könnte einen Kulturwandel bewirken, der das Ziel ökologischen Konsums fördert. Wenn vierjährige Kinder in den 1960er Jahren in dem bekannten Experiment zur Impulskontrolle imstande waren, nicht gleich die erste Süßigkeit zu essen, sollte man die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub nicht auch von erwachsenen Menschen erwarten können? Wenn in mehreren Längsschnittstudien die positive Korrelation von Belohnungsaufschub und Erfolg im späteren Leben bestätigt wurde, könnte das „Prinzip Verzicht“ zu einer vergleichbaren Wirkung für ein nachhaltiges Klima beitragen.

Teil dieses Kulturwandels durch Verzicht wären Strategien, um aus dem individuellen Be-dürfnis der „Selbstverwirklichung“ (Maslow) ein kollektives Bedürfnis der „Umweltverwirk-lichung“ zu machen. Der Marxsche Begriff unterscheidet zwischen Selbstverwirklichung als Gattung in der Natur und Selbstverwirklichung als Individuum in der Gesellschaft. Die Vergesellschaftung des zunehmend urbanisierten Menschen scheint auf Kosten des ersteren Verständnisses weit fortgeschritten zu sein. Das ökologische „Prinzip Verzicht“ würde dabei behilflich sein, diese Entwicklung teilweise rückgängig zu machen, sodass der von der Natur entfremdete Mensch die „intrinsische Werthaftigkeit der Natur“ (Jonas) nachhaltig anerkennt – und somit seine eigene Werthaftigkeit „als Gattung in der Natur“ wiedererkennt.

Eine so verstandene „Fernstenliebe“ (Jonas) wäre eine auch aus Eigeninteresse praktizierte Ethik, die nicht nur den entfernten Nächsten miteinschließt, sondern auch die entfernte Umwelt. Dieses durch Verzicht auf Individualbedürfnisse erneuerte Naturverständnis deutet auf die ewige Suche des Menschen nach einer das Selbst überschreitenden Dimension hin und erinnert daher an die oberste Stufe der „Transzendenz“ in der Maslowschen Pyramide. Diese naturreligiös eingestimmte, „weltimmanente Transzendenz“ (Hoimar von Ditfurth) mit ökologischem Vorzeichen würde also ein menschliches Bedürfnis befriedigen helfen. Konkrete Sozialutopien des Verzichts könnten als „Grundrisse einer besseren Welt“ (Bloch) ein Verständnis ökologischer Eschatologie befeuern, deren Heilserwartung auf die letzten Dinge im Einklang mit der Natur verweist.

Konsum als Ersatzbefriedigung: Der „Coffee-to-go“-Becher als Metapher

Diese Überlegungen machen deutlich, dass die Maslowsche Pyramide bei näherer Betrachtung keine strenge aufsteigende Hierarchie bedeutet, sondern dass menschliches Handeln samt Konsumverhalten von unterschiedlichen Bedürfnissen gleichzeitig oder in dynamischer Reihenfolge bestimmt sein kann. Als erstes Beispiel dient der „hungernde Künstler“ (Clayton Alderfer), der seine Existenz- seinen kreativen Wachstumsbedürfnissen unterordnet.

Des Weiteren ist entscheidend, ob Bedürfnisse eines Individuums oder eines Kollektivs befriedigt sein wollen: Sicherheitsbedürfnisse des Einzelnen (z.B. Schutz durch die Eltern, Wohnung etc.) kennen in der Regel einen natürlichen Sättigungsgrad. Doch sie können sich in nur schwer zu befriedigende Wachstumsbedürfnisse verwandeln, wenn sie für ein ganzes Volk oder eine Staatengemeinschaft befriedigt werden sollen. So war in den 1980er Jahren das Wachstum der weltweiten Ausgaben für Rüstungsgüter, die sehr viel Ressourcen verschlingen, zum ersten Mal seit 1960 größer als die Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Leistungen.

Nehmen wir als weiteres Beispiel den „Coffee-to-go“ von oben: Was, wenn hinter der Kaufentscheidung nicht der beabsichtigte Zeitgewinn steht? Was, wenn der Konsument stattdessen befürchtet, seinen Kaffee 10-15 Minuten lang zu Hause trinken zu müssen – und zwar allein? Konsum ist immer auch eine Sozialbeziehung. Was, wenn der Konsument als soziales Wesen sich stattdessen nach Kontakten sehnt, die er/sie nicht hat? Ein Lächeln des Verkäufers oder gar ein Smalltalk mit ihm/ihr, eine freundliche Verabschiedung, verbunden mit einem Dankeschön, das dem Käufer signalisiert: „Es ist gut, dass es Dich gibt!“.

Könnte also der Kauf des „Coffee-to-go“ nicht auch durch den Mangel an Sozialbeziehungen motiviert sein? Könnte er durch den Wunsch angetrieben sein, nicht Individual-, sondern Sozialbedürfnisse befriedigen zu wollen? Sei es auch nur das ersehnte Zugehörigkeitsgefühl zur Community einer bestimmten Kaffeemarke?

Der Bedarf an Sozialkontakten scheint zugenommen zu haben. So untersuchen die Sozial-wissenschaften im Rahmen der zunehmenden Fragmentierung der Gesellschaft auch die Vereinzelung der Menschen (Individualisierung) und entdecken derzeit zunehmend auch Ausdrucksformen von Einsamkeit als Forschungsgegenstand. Einer Infratest-Umfrage vom März 2018 zufolge halten 51% der wahlberechtigten Deutschen Einsamkeit für ein „großes Problem“, 17% sogar für ein „sehr großes“. Hintergrund ist die wachsende Zahl von Single-Haushalten, in denen Alleinstehende ohne feste soziale Bindung an einen Partner und ohne minderjährige Kinder leben. 2010 machten Ehepaare als Lebensform 44% aus, Singles lagen mit 43% gleichauf. Die Sozialen Medien befördern durch das Phänomen der „Filterblase“ die Aufspaltung der Gesellschaft in „Parallelgesellschaften“, wobei der Übergang von den Sozialen Netzwerken hin zu Single- und Partnerbörsen fließend sein kann.

Nach dem Kennenlernen durch den Freundeskreis ist nach einer Studie von 2013 das Internet die zweitwahrscheinlichste Möglichkeit, einen festen Partner zu finden. Der Umsatz der deutschen Singlebörsen lag 2006 bei 65,6 Mio. Euro und wuchs in den Folgejahren auf 202,8 Mio. Euro (2011) an. Deutschland stellt damit den zweitgrößten Markt in Europa. Gleichzeitig wächst der Energiebedarf des Internets stark an, sind doch mittlerweile ca. 2,5 Mrd. Menschen weltweit online: Greenpeace (https://www.greenpeace.de) zufolge hätte das Internet, wäre es ein Land, den weltweit sechstgrößten Verbrauch von Strom – für dessen Produktion weltweit 25 Atomkraftwerke notwendig wären.

Das „Coffee-to-go“-Beispiel kann als Metapher für zahlreiche Konsumverhaltensweisen dienen, die nur vordergründig oder zu einem geringeren Anteil durch rationale Kosten-Nutzen- Erwägungen bestimmt sind, in Wahrheit aber durch viele emotionale Sozialbedürfnisse angetrieben sind. Der Kauf eines „Coffee-to-go“ ist in dieser Sicht Ersatzbefriedigung: Der nur ungenügend erfüllte Wunsch nach Sozialkontakt wird durch die Ersatzhandlung des Kaffee- Kaufs ersetzt und damit befriedigt. Die Kaufhandlung tritt also an die Stelle des eigentlich angestrebten Sozialkontakts, wenn dieser durch Verdrängung oder äußere Hemmung nicht zufrieden stellend ausgeführt werden kann (Sublimierung), oder dient zumindest als Mittel zum Zweck einer sozialen Anbahnung. Das Bedürfnis, das hinter der ursprünglich angestrebten Handlung steht, verschiebt sich. Kurzum: Konsum statt Zuneigung – oder auch: „Wa(h)re Liebe“ (Titel einer TV-Sendung auf VOX). Dieser Zusammenhang beschäftigt auch die angewandte Forschung zur Verbraucherpsychologie.

Konsumfixierung und mangelhafte Bindungsfähigkeit in der Wegwerfgesellschaft

Die Individualisierung im gesellschaftlichen Bereich geht auch mit einem Individualitätstrend im wirtschaftlichen Bereich einher, versucht doch der Einzelne seiner Individualität auch mit einem individuellen Produkt Ausdruck zu verleihen. Als Beispiel dient das Massenprodukt Automobil, das als Serienfahrzeug nach persönlichen Wünschen individuell gefertigt werden kann („Mass Customization“). Sicherlich spielt hier auch das Individualbedürfnis nach außengeleiteter Wertschätzung eine Rolle. Die Übergänge vom Automobil als Statussymbol, das unter dem Diktat des Komparativs steht – schneller, größer, breiter (Großraumwagen und SUVs), zur Machtdemonstration bis hin zu aggressivem Fahrverhalten sind fließend. Am extremen Ende steht die Szene der Raser, von denen die zu lebenslanger Haft verurteilten „Ku´damm-Raser“ die prominentesten sind, die laut Experten im Wachsen begriffen ist.

Die zunehmende Individualisierung lässt auch die Müllberge anschwellen, werden doch beispielsweise die im Lebensmittel-Einzelhandel angebotenen Portionen immer kleiner, relativ dazu wird aber der Verpackungsanteil im Ganzen größer. Die deutsche Verpackungsindustrie, die viel Plastik verarbeitet, konnte 1996 bis 2009 ihren Umsatz um 40% steigern. Plastikverpackungen machen ein Drittel des Plastikbedarfs in Deutschland aus.

Eine tieferliegende Ursache für die Konsumfixierung in unserer Wegwerfgesellschaft könnte in einer grundsätzlich mangelhaften sozialen Bindungsfähigkeit bestehen. Der moderne Konsummensch erscheint in diesem Licht als „Philobat“, der sich vom „oknophilen“ Menschentypus (Michael Balint) durch die Intensität von Objektbeziehungen unterscheidet. Er zieht die Weite der Enge vor – und findet sie in Fernflügen. Anstatt zu klammern, ist er imstande, sich leichter von Menschen und Dingen zu trennen: Die Zahl der Ehescheidungen in Deutschland bewegt sich im Vergleich zu den 1950er Jahren, wenn auch leicht rückläufig, auf hohem Niveau, während die Abfälle aus Haushalten zwischen 2000 und 2016 zunahmen.

Wenn die Ex-und-Hopp-Mentalität mangelnde Bindungsfähigkeit zur Ursache hat, müsste das ethische „Prinzip Verzicht“ schon beim Kleinkind ansetzen: Die Schaffung von familien- und partnergerechten Lebens- und Arbeitsbedingungen zugunsten einer ausgeglichenen „work- life-balance“, kombiniert mit bindungsfördernden „Frühen Hilfen“ sowie die Umsetzung eines Sozialkompetenzen fördernden Bildungs- und Erziehungsauftrags in Kindergärten, Schulen und Hochschulen wären insofern Maßnahmen zur Erzielung nachhaltigen Konsums.

Staat und Individuum: Verantwortung für Konsum als „Klimakiller Nummer Eins“

Diese einfache Überlegung zeigt, dass es ohne Staat und Politik nicht geht, die in vielerlei Hinsicht geeignete Rahmenbedingungen schaffen muss: „Deshalb ist das Wichtigste, dass wir als Bürger am Ball bleiben und die Politik nicht aus der Verantwortung lassen“, sagt der Potsdamer Klimafolgenforscher Anders Levermann. „Viele denken, es geht jetzt um Verzicht“, so Levermann weiter… – aber das sehe er anders: „Es ist eine weltweite Herausforderung und die kann nur auf großen Skalen bewältigt werden, nicht im Kleinen“. Allerdings muss die Akzeptanz in der (Welt-)Bevölkerung vorhanden sein, wenn der weltweite Konsum aller Erdbewohner der „Klimakiller Nummer Eins“ ist.

Es geht also in der Tat um Verzicht! Eine Strategie hierzu muss sowohl die Mikro- als auch die Makroebene umfassen – im internationalen Maßstab. Umweltpolitische Regelungen des Staates zum Klimaschutz sind i.d.R. erzwungene, persönliche Entscheidungen im Konsum- verhalten freiwillige Maßnahmen zur Reduzierung von Treibhausgasen. Beide aber laufen auf Verzicht hinaus! Solange die Politik zu wenig tut, sind alle aufgerufen, freiwillig zu handeln.

Der Akzeptanz zum Verzicht steht der Begriff als solcher im Wege, ist er doch negativ besetzt. Das dem so ist, ist bereits Ausdruck der Konsumfixierung, deren natürlicher Feind der Verzicht ist. Konsum und Verzicht schließen sich gegenseitig aus – zumindest aus der Perspektive eines verschwenderischen Lebensstils. Verzicht muss aber nicht gleichbedeutend sein mit geringerer Lebensqualität. Verzicht muss nicht mit lebensverneinender Abstinenz, lustloser Askese oder altruistischer Bedürfnislosigkeit gleichgesetzt werden. Verzicht auf Konsum schafft Freiräume, die mit lebensbejahenden und lustvollen Aktivitäten gefüllt werden können. Zumal wenn diese Alternativen vielerlei Bedürfnisse – vorzugsweise analog – befriedigen helfen, voran Kognitive Bedürfnisse (wie z.B. der vorliegende Artikel) sowie Ästhetische Bedürfnisse (z.B. Musik und Theater) bis hin zur „Selbstverwirklichung“ (Maslow), bei der es darum geht, das eigene anlagebedingte Potential auszuschöpfen.

Hier nur zwei Beispiele: Mit einer Sach-, Zeit- oder Geldspende verzichtet der Geber auf sei- ne/ihre Gabe. Etwas freiwillig abzugeben, bedeutet Verzicht. Doch handelt der Spender niemals selbstlos, sondern bekommt immer „etwas zurück“. Es gibt eine Reihe vielfältiger Motive – die einen eher rational, die anderen eher emotional, die den Spender bewegen zu geben und zu verzichten. Sei es auch nur eine Zuwendungsbescheinigung, die er/sie bei der Steuer geltend machen kann. Viele dieser Beweggründe sind eine Mischung aus Individual- und Sozialbedürfnissen: Dankbarkeit für Hilfe, Anerkennung und Wertschätzung, Werte und Verantwortung, Mitleid und Schuldgefühle, bis hin zu Freude und Eigeninteresse.

Philanthropie ist Verzicht mit Aussicht auf Belohnung und Bedürfnisbefriedigung. Von Karl Ludwig Schweisfurth stammt der Satz: „Wie persönlich bereichernd, wie beglückend und wunderbar es ist, wenn man etwas für einen guten Zweck gibt“. Die Kulturtechnik im Dienst freiwilliger Philanthropie nennt man „Fundraising“. Vom US-amerikanischen Fundraiser Henry Rosso stammt die Maxime: „Fundraising ist die sanfte Kunst, die Freude am Spenden zu lehren“. Und auf Jesus Sirach, Autor eines 175 v. Chr. entstandenen Buchs des Judentums, geht die Weisheit zurück: „Verliere gern dein Geld um deines Bruders und Nächsten willen“.

Das andere Beispiel ist das Fasten: Die Medizinforschung interessiert sich zunehmend für seine heilende Wirkung auf Körper, Geist und Seele. Hunger bedeutet erzwungener, Fasten freiwilliger Verzicht auf Nahrung. Es hat eine lange Tradition und wird seit Jahrhunderten in vielen Kulturen praktiziert. Fastende berichten immer wieder von den reinigenden, entgiftenden und „entschlackenden“ Effekten des Heilfastens. Dem Fastenerlebnis liegt ein physiologischer Prozess zugrunde, für dessen Erforschung der japanische Wissenschaftler Yoshinori Ōsumi 2016 den Nobelpreis für Medizin erhielt: die „Autophagie“.

Bei diesem „sich selbst verzehrenden“ Prozess, der sich in den Körperzellen abspielt, werden eigene Bestandteile abgebaut, zerlegt und wiederverwertet. Ausgelöst durch einen Mangel an Nährstoffen, ist er für ein Gleichgewicht zwischen der Produktion neuer und dem Abbau alter Zellbestandteile notwendig, wodurch überlebenswichtige Prozesse weiterhin mit Energie versorgt werden können. Dieses zelleigene Notfallsystem, das ab einem Zeitraum von etwa 14 Stunden Kalorienverzicht einsetzt, ist eine im Lauf der Evolution entwickelte Strategie, um Energie zu sparen. Der Prozess ist also ein uraltes Recycling-Programm für zellulären Müll.

Heilfasten und das „Prinzip Verzicht“: Die Autophagie als Metapher

Daher eignet sich die Autophagie hervorragend als Metapher für das ethische „Prinzip Verzicht“, das mittelfristig nicht weniger, sondern mehr Lebensqualität bedeutet – individuell und gesellschaftlich. Und nicht nur deshalb, weil die industrielle Lebensmittel-Produktion das Klima belastet. Eine nachhaltige Küche würde zwar eine radikale Umstellung der Ernährung des einzelnen Menschen bedeuten. Doch Verzicht lohnt sich auch hier. Denn: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (5. Mose 8,3). Die Bibel weiß zudem: „Wer mäßig ist, lebt desto länger“ (Sir 37,34). Und: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Das „Prinzip Verzicht“ übersetzt Bertolt Brechts Aphorismus in den Vorrang von Existenz- vor Wachstumsbedürfnissen – und kann an alte Traditionen im Christentum ansetzen: „Wein erquickt, wenn man ihn mäßig trinkt“ (Sir 32), „Wer bescheiden ist, hat ein gutes Leben“ (Sir 40,118) und „Dem Bescheidenen geht große Gunst voraus“ (Sir 32,14).

Was wäre das Leben von Franz von Assisi ohne Verzicht? 1207 entkleidete sich Franziskus auf dem Domplatz und verzichtete mit dieser Geste auf das Erbe seines Vaters, um ein Leben in freiwilliger Armut zu führen. Auch der Islam kennt den Verzicht im Fastenmonat Ramadan, wenn Millionen Muslime tagsüber nicht essen und trinken. Für Juden ist beispielsweise der Versöhnungstag Jom Kippur mit Fasten verbunden, und für zahlreiche hinduistische Gurus ist das Leben bestimmt durch Askese. Beim buddhistischen Verzicht schließlich geht es um die Überwindung von Ursachen von Leid, das beispielsweise durch Egoismus entsteht. Der Apostel Paulus sagte: „Jeder aber, der kämpft, legt sich jeden Verzicht auf“ (1. Kor. 9, 24-27). Verzicht als Kampf gegen den Klimawandel! Ein Kampf, dessen Ziel auf einen Struk-turwandel hinausläuft, an dem alle gesellschaftlichen Akteure interdisziplinär, intersektoral (Staat, Wirtschaft und Dritter Sektor) und international zusammenarbeiten müssten.

Sonnenuntergang-Panorama
Pixabay License, Sonnenuntergang, freie kommerzielle Nutzung, kein Bildnachweis nötig, 05.04.2019

Dieser Kampf ist eine Kraftanstrengung beispiellosen Ausmaßes: Die vor bald 50 Jahren vom Club of Rome (https://www.clubofrome.de) geforderten „ganz neuen Vorgehensweisen“ würden „ein außergewöhnliches Maß von Verständnis, Vorstellungskraft und politischem und moralischem Mut“ erforderlich machen, so die Autoren. Die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ war einer der wichtigsten Anstöße für die Entstehung einer wachstumskritischen sozialen Bewegung, die im deutschsprachigen Raum auch als „Postwachstumsbewegung“ bezeichnet wird und vielfältige Strömungen und Positionen beinhaltet. Zu diesen gehören Konsum- und Kapitalismuskritik, Suffizienz als das Bemühen um einen geringen Rohstoff- und Energieverbrauch, Entschleunigung und Dezentralisierung bzw. Regionalisierung von Angeboten, „Commons“ als gemeinsame Nutzung von Ressourcen (Gemeingut, Gemeineigentum, Allmende, Share Economy wie z.B. Car-Sharing) sowie Reparatur statt „geplanter Obsoleszenz“ (Verschleiß).

Viele vernünftige Ansätze sind also vorhanden. Im Vergleich dazu kann die von der deutschen Politik und Autoindustrie favorisierte e-Mobilität nur eine flankierende Maßnahme sein, kommt doch der Strom immer noch aus der Steckdose. Entscheidend ist, wie der Strom dort hineinkommt: Erneuerbare Energiequellen sind offenkundig nachhaltiger als Braunkohle. Ebenso bedeutet es eine Verschwendung geistigen Kapitals, deutsche Ingenieurskunst in Konzepte „autonomen Fahrens“ zu stecken. Viel wichtiger wäre es, in die Forschung von Techniken zur Effizienzsteigerung bei der Energiegewinnung zu investieren. Diese Beobachtung weist auch – als ökologische Alternative zum Automobil – auf das gute alte Fahrrad hin, dessen Infrastruktur die Kommunen radikal ausbauen müssten.
Die politische Klasse der Automobil-Nation Deutschland, die die Staatskasse von Cum-Cum- und Cum-Ex-Geschäften fahrlässig plündern lässt, gleicht derzeit einer „corpocracy“ (Charles Derber) oder gar einer „Kleptokratie“ (Mats Lundahl), die ihre Unabhängigkeit verloren zu haben scheint. Ein beherztes „Wir schaffen das“ würde man auch gerne in der Umweltpolitik hören – und zwar nicht in nachholender, sondern vorbeugend in nachhaltiger Absicht. Statt- dessen droht die Bundesregierung, ihre Klimaziele zu verfehlen. Die von ihr eingesetzte Kommission für Klimaschutz im Verkehr konnte sich Ende März 2019 nicht einigen.

Wir brauchen stattdessen geniale Geister – und Macher, die sich der Mammutaufgabe wid-men, das ethische „Prinzip Verzicht“ zu konzipieren, auszuformulieren und zu propagieren, indem sie die vielfältigen Strömungen und Positionen der Postwachstumsbewegung zusammenfassen, bündeln und in praktisches Handlungswissen mit dem Ziel übersetzen, den Konsum-Folgen-Abstand zu reduzieren. Für den einzelnen Verbraucher muss diese Distanz konkret nachvollziehbar, Fortschritte in ihrer Verringerung für ihn/sie konkret erlebbar sein. Darin wäre die Aufgabe des Staates, nachhaltigen Konsum zu belohnen, klimaschädlichen Konsum aber zu verteuern, damit dessen Folgen spürbar sind und „so richtig weh tun“. So ist beispielsweise eine Steuer auf Kerosin längst überfällig, und ein Tempolimit ebenso.

Geniale Geister im Anthropozän: Öko-TÜV, Verbote und Meta-Geschichten

Warum nicht einen Öko-TÜV einführen, der als mittelbare Staatsverwaltung die Verbraucher – und auch Unternehmen – auf ihre ökologische Verkehrstauglichkeit überprüft? Ähnlich wie die Deutsche Rentenversicherung könnte der Öko-TÜV auf Grundlage alljährlicher Messungen des „ökologischen Fußabdrucks“ Konten für jeden Verbraucher bzw. jede Institution verwalten, deren Salden mit der jährlichen Einkommens- bzw. Körperschaftssteuer verrechnet werden, so dass sich die positive Ökobilanz einer natürlichen bzw. einer juristischen Person für diese steuermindernd auswirkt. Das wäre gewissermaßen eine turnusmäßige, nachvollziehbare und spürbare Überprüfung, welche Fortschritte der mittel- bis langfristig angelegte, ökologische „Marshmallow-Test“ eines jeden Steuerzahlers macht.

Das hieße im Umkehrschluss, dass sich Klimasünder an den durch Steuergelder zu deckenden Kosten, die durch den Klimawandel entstehen (Schadens-, Anpassungs- und Vermeidungs- kosten), nach dem Verursacherprinzip beteiligen müssten. Dies wäre ein starker finanzieller Anreiz für nachhaltigen Konsum – der darüber hinaus durch die mögliche Entstehung einer ökologischen Beratungsindustrie neue Arbeitsplätze schaffen könnte.

Ökologische Anreize allein reichen indes nicht aus, es braucht auch Verbote. Das EU- Parlament brachte am 27. März 2019 ein Verbot von Plastik-Wegwerfprodukten auf den Weg, nachdem 10 Jahre zuvor das Aus für die Glühlampe kam, um mit Energiesparlampen den Lichtenergieverbrauch um 30% zu senken. Schon zuvor hatte man mit dem weltweiten Verbot von FCKW zur Schließung des Ozonlochs gute Erfahrungen gemacht, die sich durch Messungen 2012 bestätigten. Das sind internationale, auf Verzicht abzielende Anstrengungen, die Grund zur Hoffnung geben, dass die Weltgemeinschaft das im Pariser Klimaabkommen von 2015 gesteckte Ziel erreicht, bis 2050 den Treibhausgasausstoß auf Null zu reduzieren, um die Erderwärmung – derzeit bei rund ein Grad – auf weniger als zwei Grad zu begrenzen.

Menschen brauchen Meta-Geschichten: Soll das neue Erdzeitalter des Anthropozän, das mit der Zündung der ersten Kernwaffe am 16. Juli 1945 begann, nicht im „Anthropo-zid“ (Götz-D. Opitz) enden, benötigt das ethische „Prinzip Verzicht“ auch geniale Geister, die auf die anthropologische Konstante des Storytelling bauen und befähigt sind, Meta-Geschichten für eine bessere Zukunft der Menschheit zu erzählen. Universalistische Visionen, enthusiastisch erzählt, an die der Mensch glauben möchte und die er zu „self-fulfilling prophecies“ werden lässt. Dies sollte nicht nur Aufgabe eines „Konstruktiven Journalismus“ (Ulrik Haagerup) sein, sondern auch staatlicher Auftrag. Der Erfolg der breit angelegten Aufklärungskampagne des Familienministeriums unter Rita Süsmuth von 1987 nach Ausbruch der weltweiten HIV- Krise („Gib AIDS keine Chance“) sollte auch auf die Klimakrise übertragbar sein.

„Insgesamt sind die Kosten für die Begrenzung der globalen Erwärmung“, vermuten David Nelles und Christian Serrer, „… deutlich geringer, als Schadenskosten bei einer ungebremsten Erwärmung entstehen würden“. Diese vernünftige Kostenrechnung macht Hoffnung und lässt das Risiko einer Klimakatastrophe geringer erscheinen. „Risiko ist definiert worden als Wahr-scheinlichkeit eines Ereignisses multipliziert mit seiner Wirkung. Bei einem Atomkrieg wäre die Wirkung so übergroß, dass selbst dann, wenn seine Wahrscheinlichkeit zu einer bestimmten Zeit gering ist, das Risiko groß bleibt“, so Nina Byers in der Atomkrise der 1980er Jahre.

Im Gegensatz dazu wächst in der Klimakrise mit der Wirkung klimaschädlichen Konsums auch die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses beständig. Dieser Prozess ist ein schleichender. Doch besteht darin auch eine Chance, macht doch die Plötzlichkeit eines Atomkrieg-Ereignisses den Handlung-Folgen-Abstand im Vergleich kaum erfahrbar, abgesehen von den künftig befürchte-ten Kippelementen im globalen Klimasystem, die sich abrupt und zum Teil unumkehrbar vollziehen können. Das heißt aber auch, die Katastrophe ist – schon lange – im Gange.

Die große Furcht vor einem Atomkrieg Anfang der 1980er Jahre, die damals nicht nur friedensbewegte Jugendliche hatten, kann ein Anknüpfungspunkt für die heute in die Jahre gekommene Generation der Babyboomer sein, um die Motivlage der Schülerproteste der Fridays for Future-Bewegung besser zu verstehen. „Ich will, dass ihr in Panik geratet“, mahn-te Greta auf dem Weltwirtschaftsforum 2019 in Davos. Mit ihrer persönlichen Angst vor dem Klima-GAU hat sie Tausende von Jugendlichen angesteckt, die die gleiche existentielle Angst umtreibt. Ein wichtiger Hinweis, wie groß diese Angst ist, ist die Schnelligkeit, mit der diese transnationale Bewegung gewachsen ist. Leevke Puls (18), eine Schülerin, die an den Protes-ten teilnimmt, sieht die Umweltdebatte als „riesigen Generationenkonflikt“ (ZEIT, 13.03.19).

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Parents and Scientists for Fridays for Future: Verzicht als Hoffnung in Verantwortung

Hat die ältere Generation mit ihren „Konsumgewohnheiten und Lebensstilen“ versagt? Haben die USA und Europa mit ihrem „westlichen Zivilisationsmodell“ (Peter J. Opitz) historische Schuld auf sich genommen? „Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht“ (Richard von Weizäcker), ebenso wenig gibt es eine „Kollektivschuld“ für den Klimawandel seitens des Westens. Begriffe wie „Kollektivscham“ (Theodor Heuß) oder „Kollektivhaftung“ (Weizäcker) wären hier angebrachter. Schuld und Verantwortung sind ethische Kategorien, die das Individuum betreffen. Während sich Schuld auf die Vergangenheit bezieht, ist individuelle Verantwortung zukunftsgewandt. Somit ist Schuld in der Vergangenheit nicht eingelöste Verantwortung, Verantwortung aber bedeutet in der Zukunft gerecht zu werdende Schuldvermeidung. Jeder kann daran arbeiten, indem er/sie sich Erich Fromms Entwurf einer „neuen Gesellschaft“ vor Augen hält, für den sich der „Geist des Seins“ auch durch „ver-nünftigen Konsum“ auszeichnet, der „maximalen Konsum“ als „Gedanke des Habens“ ersetzt.

Viele Ältere solidarisieren sich bereits mit den Freitagsprotesten. So haben sich unter dem Namen Parents For Future „in wenigen Wochen in ganz Deutschland aktive Erwachsene in einer parteiunabhängigen Initiative zusammengefunden, um Fridays For Future zu unterstützen“ (https://parentsforfuture.de). Auch viele Wissenschaftler tun das schon: In einer gemeinsamen Stellungnahme – von mehr als 23.000 deutschen, österreichischen und Schweizer Scientists for Future unterzeichnet – nennen sie die „Anliegen der demonstrierenden jungen Menschen berechtigt“. Denn „ohne tiefgreifenden und konsequenten Wandel ist ihre Zukunft in Gefahr. Dieser Wandel bedeutet unter anderem: Wir führen mit neuem Mut und mit der notwendigen Geschwindigkeit erneuerbare Energiequellen ein. Wir setzen Energiesparmaß- nahmen konsequent um. Und wir verändern unsere Ernährungs-, Mobilitäts- und Konsum- muster grundlegend“ (https://www.scientists4future.org).

Einer der prominenten Unterstützer von Scientists for Future ist Eckart von Hirschhausen, der die Freitagsproteste vorbehaltlos teilt. Als Arzt verwies er auf die begrenzten Ressourcen der Erde: „Die Idee von Wachstum, Wachstum, Wachstum ist einfach krank“; wenn in uns etwas ständig wachse, ohne Grenzen zu respektieren, „dann ist das Krebs“. Die ältere Generation tut gut daran, die Schülerproteste ernst zu nehmen. Dies zumal, wenn man die Aussagen von Schülern wie Linus Steinmetz bedenkt, einer der deutschen Sprecher von Fridays for Future: Einige Kommentare von Politikern lösten „ein gewisses Maß an Frustration aus“, weshalb die Jugendlichen aufpassen müssten, „dass wir nicht resignieren“. Da alle anderen Alternativen bisher nicht funktionierten, „versuchen wir es jetzt eine Stufe radikaler“ (Jetzt.de, 15.03.19).

Es ist nicht abwegig zu befürchten, dass die Fridays for Future-Bewegung ein gewisses Radi- kalisierungspotenzial in sich birgt. Werden die verantwortungsvollen Hoffnungen der jungen Menschen durch Nichtstun enttäuscht, könnte sich durchaus ein wütendes Segment der Be-wegung mit zunehmendem Alter bis zum Punkt der Gewaltbereitschaft radikalisieren. Besteht hier sogar eine gewisse Terrorismusgefahr, die Gefahr einer neuen „grünen“ RAF-Fraktion? Wenn ja, kann das vor allem die Politik verhindern, indem sie auf Konzepte klimapolitischer, umweltschonender „Autophagie“ (Ōsumi) für eine nachhaltige Konsumgesellschaft setzt.

Greta Thunberg appelliert selbstbewusst an unsere Verantwortung: „Selbst wenn es keine Hoffnung gibt, müssen wir etwas tun. Keine Hoffnung haben, ist keine Entschuldigung“. Und: „Wir wollen nicht eure Hoffnung. Wir wollen, dass ihr handelt“. Von einer Journalistin gefragt, was sie ändern würde, antwortete sie: „Ich würde alles ändern“. Sie hat wohl Recht, sind doch die Herausforderungen seit dem Appell des Club of Rome von 1972 nicht kleiner, sondern größer geworden. Das ethische „Prinzip Verzicht“ bedeutet einen Großteil der „Action“, die Greta von uns fordert. Denn:

„Verzicht ist Hoffnung in Verantwortung“.
Götz-Dietrich Opitz ©, Balanstraße 28, D-81669 München, goetz.opitz@gmx.net

Porträt Dr. Götz-Dietrich Opitz
Dr. Götz-Dietrich Opitz

GÖTZ-DIETRICH OPITZ, Jahrgang 1964, Dr. phil. der Amerikanischen Kulturgeschichte, ist PR-Experte und Fundraiser und arbeitet derzeit für die Schwesternschaft München vom BRK e.V. An der Fresenius-Hochschule München hielt er im WS 2016/17 einen Lehrauftrag zum Thema „Journalismus und PR“ ab; zahlreiche Artikel, Interviews, Vorträge, Seminare und Monographien, z.B. Haitian Refugees Forced to Return: Transnationalism and State Politics, 1991-1994 (Münster: LIT, 2004).