Das Phänomen Loslassen

von Götz-Dietrich Opitz ©

Abstract:

Der Artikel handelt vom ewigen Werden und Vergehen als Lebensprinzip, das sich hinter vielen zirkulären Natur- und Lebensrhythmen verbirgt. Er behandelt Phänomene wie Runner´s High und Musikerlebnis, Schlaf und Orgasmus, aber auch das Lachen und Weinen sowie den Tod als Zustände, die das Loslassen ermöglicht. Diese Entgrenzungserfahrungen gehören dem (kosmischen) „System der Teilhabe“ an, dem das mit ihm verzahnte (Ich-zentrierte) „System der Leistung“ gegenübersteht. Spätestens seit der Neuzeit sind beide Systeme in Unwucht geraten, für die der Schmerz, vor allem in depressiven Angststörungen, wesentlicher Indikator ist. Ein Ungleichgewicht, das sich in unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft im Überkonsum äußert. Er ist der Motor für vermeintlich grenzenloses, lineares Wachstum, das akut unser Klima bedroht. Angesichts des Klimawandels als eine der größten Transitionen, in der die Menschheit jemals gestanden hat, plädiert der Autor für Verzicht als ein Akt des Loslassens, um das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen.

Absatzüberschriften:

Vom Kommen und Gehen, vom Auf und Ab als Lebensprinzip
– Entgrenzungserfahrungen: Vom Sterben, Orgasmus und anderen Transitionen
– Schmerz und Depressionen vs. Variabilität, Stabilität, Autonomie und Zugehörigkeit
– Musik und Weinen, Kunst und Sprache, Humor und Lachen: das entgrenzte Ich
– Angst, Protestantismus, Kapitalismus: Der Nexus von Paranoia, Utopie und Leistung
– Der entfremdete Mensch: Die verloren gegangene Einheit von Leistung und Teilhabe
– Wachstumsideologie und Konsum als Klimakiller Nummer Eins: Verzicht als Loslassen
– Schleifenquantenkosmologie und Sternenstaub: Das utopische Potenzial des Verzichts

Text:

Vom Kommen und Gehen, vom Auf und Ab als Lebensprinzip

Es war ein angenehm sonnig-warmer Frühsommertag Anfang der 1980er Jahre. Ich bereitete mich auf mein Sport-Abitur in Handball und Geräteturnen vor, indem ich, wie so oft zu jener Zeit, zum Joggen in den nahen Wald ging. Es waren vermutlich – meinem jugendlichen Alter geschuldet – Cannabiswirkstoffe, Endorphine und das Glückshormon Dopamin im Spiel. Ich kam jedenfalls verhältnismäßig schnell in den „Steadystate“, bei dem sich in der Muskulatur ein Fließgleichgewicht zwischen Sauerstoffzufuhr und -verbrauch mit der Wirkung einstellt, dass ich nicht mehr so sehr schnaufen musste wie zu Beginn der Belastung.

Diesmal aber erlebte ich die Homöostase insgesamt anders, viel intensiver: Ich empfand keine Anstrengung, keinen Schmerz mehr. Es war, als könnte ich neben mir herlaufen, mich von außen beim Joggen betrachten. Beim Übergang von der Anstrengung in diesen Zustand vergaß ich die Zeit. Physikalische Gesetzmäßigkeiten schienen außer Kraft gesetzt. Nicht mein „Ich“ joggte hier, sondern: „Es“ joggte mich: Es ging wie von selbst, ich fühlte mich getragen, es war wie ein Fliegen – reiner Genuss, Glücksempfinden. Dieser mentale Rauschzustand völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit, den die Psychologen „Flow“ nennen, ist auch unter „Runner’s High“ bekannt. Es war ein Loslassen.

Ein Loslassen, wie ich es beim Sportreiben nur ausnahmsweise so extrem verspürt habe. Aber es gibt – und gab auch für mich – noch viele andere Phänomene, die mitnichten einzigartige Ausnahmeerscheinungen sind, sondern mit der oben beschriebenen, besonderen Art des Loslassens wesensverwandt sind. Jeder kennt sie, hat sie schon so oder so ähnlich erlebt. Viele Begriffspaare bezeichnen dieses grundlegende Phänomen, das ein Lebensprinzip ist: Es handelt vom Kommen und Gehen, vom Auf und Ab, vom ewigen Werden und Vergehen.

Loslassen! Schon bei der Geburt, beim Eintritt in das Leben, müssen wir loslassen. Wir nehmen Abschied von einem sicheren Ort, an dem wir uns in den zurückliegenden neun Monaten geborgen fühlen konnten: der Uterus. Dort umhüllte uns seit der Befruchtung warmes Fruchtwasser, die Nabelschnur verband uns mit der uns ernährenden Plazenta. Ganz plötzlich jedoch pressen schmerzhafte, durch das vegetative Nervensystem gesteuerte Muskelkontraktionen der Gebärmutter das Kind durch den „engen“ (lat. angustus), „Angst“ machenden Geburtskanal in eine fremde Welt mit trockener Luft und grellem Licht. Die Angst ist ein Grundgefühl, das alle Menschen in unterschiedlicher Ausprägung kennen.

Die Wehen, dieses rhythmische An- und Entspannen kräftiger Muskeln, sind dem Willen der Gebärenden nicht unterworfen, sondern kommen einfach über sie – „wie von selbst“ … und gehen wieder. Von den ersten Wehen bis zu den ersten Atemzügen ist die Geburt ein für das Neugeborene wohl traumatisches Erlebnis voller energiegeladener Wucht und intensiver Sinneseindrücke. Was bis zum Tode folgt, ist Wachsen und Verfall zugleich – ein weiteres Begriffspaar, das für das vielschichtige Bewegungsprinzip des Kommens und Gehens steht.

Mit dem ersten Atemzug tritt der Säugling über die Luft erstmals in direkten Kontakt mit seiner Umwelt, ohne auf die Vermittlung durch seine Mutter angewiesen zu sein. Ein Mensch atmet täglich etwa 20.000mal und bewegt dabei rund zwölf Kubikmeter Luft. Mit dieser enormen Luftmenge (Atem) steht er/sie in ständigem Stoffwechsel mit seiner Umwelt. Er/sie lässt buchstäblich die Welt in sich hinein und gibt ihr etwas zurück, tritt mit ihr in Beziehung.

Das Ein- und Ausatmen des Menschen entfaltet in Verbindung mit dem Herzschlag seinen ganz eigenen Rhythmus von An- und Entspannung. Mit jedem Ausatmen lässt man los. Hochkulturen kennen die Bedeutung des Atems. Bei den alten Griechen stehen die Begriffe „Pneuma“ und „Odem“ nicht nur für den Atem, sondern auch für Geist und Seele, für deren Einheit mit dem Körper. Der Mensch nimmt durch den Atem teil an der Seele der Welt. Die Atmung des Menschen bedeutet auch Teilhabe an den Grundstoffen des globalen Klimas.

Das menschliche Atmen findet seine außerkörperliche Entsprechung im Kommen und Gehen vieler natürlicher Phänomene, von denen der Wechsel von Tag und Nacht für uns wohl der selbstverständlichste ist. Ebenso bilden die Jahreszeiten einen wiederkehrenden Rhythmus, der unser Leben maßgeblich strukturiert. Die Wassermassen bewegenden Gezeiten, die an den Küsten als Ansteigen (Flut) und Absinken (Ebbe) des Meeresspiegels in Erscheinung treten, sind weitere dieser periodischen Naturphänomene, mit denen der Mensch in Beziehung steht. Dazu gehört auch das runde Auf und Ab vielfältiger Wellen des Wassers bis hin zum Licht.

Der durch die Kreisbewegungen der Erde um die Sonne verursachte Wechsel von Tag und Nacht (hell und dunkel) begleitet uns ein Leben lang. Unser Biorhythmus ist grundlegend von ihm geprägt, richtet sich doch unsere „innere Uhr“, die wesentlich an der Regelmäßigkeit des Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt ist, am Tag-Nacht-Wechsel. In den überlebensnotwendigen, entspannenden Schlaf zu finden, ist nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Man schätzt, dass in der westlichen Welt bis zu 30 Prozent aller Kinder im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter Probleme haben einzuschlafen. Einschlafen ist Loslassen. Nicht zufällig sprechen wir vom „in den Schlaf fallen“. Ohne loszulassen, kann man nicht fallen.

Entgrenzungserfahrungen: Vom Sterben, Orgasmus und anderen Transitionen

Wenn das Loslassen in der Geburt ein Trauma ist, dann bereitet diese „Verletzung“ auch Schmerz. Viele Übergänge zwischen Kommen und Gehen sind für uns oftmals mit Schmerzen vielfältiger Art verbunden. Den Trennungsschmerz beim Abschiednehmen eines lieb gewonnenen Menschen, der nach langjähriger Beziehung durch Scheidung oder Tod von uns geht, kennen nicht wenige. Das Leben besteht aus vielen dieser Übergänge, die die Entwicklungspsychologie „Transitionen“ nennt. Vor allem Kinder sind unterschiedlichen Belastungen unterworfen, wenn sie sich einer neuen Situation anpassen müssen.

Gelingt die Anpassung an die neuen Lebensumstände nicht, entsteht Stress, der sich in – auch körperlich spürbaren – Schmerzen ausdrücken kann. Wesentliche Transitionen sind etwa der Eintritt in eine Kinderkrippe, in den Kindergarten, in die Schule sowie der Wechsel auf eine weiterführende Schule, generell der Übergang in das Jugendlichenalter (Pubertät). Später folgen Berufseintritt, Partnerschaft und/oder Ehe, Elternschaft oder Singledasein ohne Kinder (von denen man sonst auch loslassen können muss), ggf. Arbeitgeberwechsel bis hin zum Austritt aus dem Erwerbsleben im Rentenalter, vermehrte Krankheitsphasen bis hin zum Tod.

Das Sterben als Übergang vom Leben zum Tod ist ein Phänomen, das in seiner Universalität und Irreversibilität drei Entgrenzungsvorgänge in Perfektion in sich zu vereinigen scheint. Diese nennt der deutsche Psychologe Peter Haerlin (Wie von selbst, 2007) „Entleiblichung“, „Enträumlichung“ und „Entzeitlichung“. Drei Prozesse, die im Tod in Reinkultur auftreten, ist dieser doch nach menschlichem Ermessen die unumkehrbare Transition in einen anderen Seinszustand, den kein lebender Mensch je kennen wird. Die Transition in den Tod kennzeichnet für Haerlin den absoluten Übergang vom Ich-zentrierten „System der Leistung“ zum kosmischen „System der Teilhabe“. – Der Tod als ultimatives Abschiednehmen vom (irdischen) Leben. Sterben ist Loslassen.

Haerlin beschreibt Zustände wie Schlaf und Traum, Trance und Ekstase, Meditation, Orgasmus und eben auch den Tod als Erfahrungen der Teilhabe, denen die drei genannten Entgrenzungsvorgänge in unterschiedlicher Ausprägung eigen sind. Von „außerkörperlicher Erfahrung“ (AKE), bei dem sich die Betroffenen nach eigenen Angaben außerhalb ihres eigenen Körpers befinden, wird nicht nur in Zusammenhang mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen von Menschen berichtet, die sich beispielsweise unter Hypnose oder in Todesnähe (Nahtod-Erfahrung) befanden. Das AKE-Phänomen kann auch bei – uns allen bekannter – Übermüdung, beim Einschlafen oder während des Träumens auftreten.

Doch nehmen wir den Orgasmus (altgriech. „heftige Erregung“), den Höhepunkt des sexuellen Lusterlebens. Er bildet eine ganz besondere Form des „Kommens“, die beim Geschlechtsverkehr oder auch der Masturbation eintritt. Die während des Orgasmus im Gehirn stattfindenden Vorgänge wurden als „neuronales Feuerwerk“ bezeichnet. Physiologisch betrachtet, ist er ein zentralnervöser Vorgang, der vom Sexualzentrum im Gehirn ausgeht. Wie schon bei den Geburtswehen und der menschlichen Atmung sind beim Orgasmus rhythmische, unwillkürliche Muskelkontraktionen – wie auch (genitale) Schwellkörpersysteme – von zentraler Bedeutung.

Während der Luststeigerung bis zum als sexuelle Befriedigung erlebten Höhepunkt ist die Aktivität des Großhirns als wertende Instanz ebenso wie das Schmerzempfinden deutlich herabgesetzt. Neben den körperlichen Reaktionen wird der Orgasmus, je nach Intensität und Erlebnistiefe, oftmals als angenehmes bis überwältigendes Rauscherlebnis empfunden, das durch äußere Stimuli begünstigt wird. Ein Erlebnis, das die zwischenmenschliche Ebene natürlich mit einschließt, auf der die Geschlechtspartner ihre Begegnung als wechselseitig in ihrer Existenz bestätigende „Vereinigung“ zweier, voneinander getrennter Individuen erleben.

Im Rauscherlebnis des Orgasmus durchläuft der Mensch laut tibetischem Buddhismus in kurzer Abfolge dieselben Bewusstseinsphasen („acht Phasen der Auflösung“ im Tantra-Yoga) wie während des Sterbens. Als „höchste Glückseligkeit“, die auch AKE-Erfahrungen möglich macht, bezeichnet ihn das „Hevajra-Tantra“, das ihn mit Erleuchtung und Eingang ins Nirwana gleichsetzt. Dem französischen Philosophen Albert Camus wird die Umschreibung für Orgasmus als „der kleine Tod“ (la petite mort) zugeschrieben. Eine Formel für das „Außersichgeraten“ im ekstatischen, tranceartigen Orgasmus, das auf die oben beschriebenen Entgrenzungserfahrungen verweist. Orgasmus ist Loslassen.

Schmerz und Depressionen vs. Variabilität, Stabilität, Autonomie und Zugehörigkeit

Die sexuelle Erregungssteigerung bis zum Orgasmus und der als befriedigend empfundenen Entspannung des Genitalbereichs, oft auch des gesamten Körpers, bis hin zur – vor allem bei Männern – „postkoitalen Müdigkeit“, ist ein in der Regel positiv erlebtes Auf und Ab. Mit negativem Vorzeichen kann man das vielfältige Kommen und Gehen mit dem Begriffspaar der „Stimulation“ und „Deprivation“ beschreiben, bedeutet doch letztere „Mangel, Verlust, Entzug“ (lat. deprivare `berauben´). Im allgemeinen Spannungsfeld dieses Begriffspaars unterscheidet der tschechische Kinderpsychologe Zdeněk Matějček, auf den der Begriff der „psychischen Deprivation“ zurückgeht, vier psychische Grundbedürfnisse des Menschen zum aktiven Kontakt mit der umgebenden Welt:

(1.) Das Bedürfnis nach „Variabilität“, das neue fortschreitende Stimulation mit einschließt; andererseits (2.) das Bedürfnis nach „Stabilität“, um im Wechsel der Geschehnisse eine Kontinuität von Vergangenem, Gegenwärtigem und Künftigem herzustellen; (3.) das Bedürfnis nach „Abhängigkeit“ zur Außenwelt und zu bestimmten Bezugspersonen (wie den Eltern), die zum Fundament der Lebenssicherheit werden; andererseits (4.) das Bedürfnis nach „Unabhängigkeit“ zur Erreichung größtmöglicher Selbstbestimmung im sozialen Netz der Welt. Die Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, kurz SDT) spricht hier von „Autonomie“ (s.v.w. Unabhängigkeit) und „Zugehörigkeit“ (s.v.w. Abhängigkeit); ferner vom Bedürfnis „Kompetenz“, das sich in der Freude am Lernen an sich äußert.

Im engeren Sinne bezieht sich der Begriff der „psychischen Deprivation“, die durch ungenügende Befriedigung grundlegender seelischer Bedürfnisse entsteht, ausschließlich auf ein psychisches Mangelleiden, von dem in erster Linie das sich entwickelnde Kind betroffen sein kann. In engem Zusammenhang damit steht die „Bindungstheorie“, auf die sich die überwiegende Mehrheit der modernen Studien über die Kinderentwicklung stützt.

Generell ist hier auch der Begriff der Homöostase von Bedeutung, die angestrebte Erfahrung von Gleichgewicht zwischen den vier Grundbedürfnissen nach Matějček, gerade im Erleben von Transitionen. In dieser Hinsicht kann der Schmerz ein Indikator dafür sein, dass eine Gleichgewichtstörung vorliegt. Der ätiologisch in drei Formen unterteilte Schmerz ist eine komplexe subjektive Sinneswahrnehmung, die in erster Linie schützende Funktion hat.

Sein Charakter als „Warn- und Leitsignal“ wird auch bei den Geburtswehen deutlich, im Englischen bezeichnenderweise „labor pains“ genannt. Laut Fachliteratur hat der chronische Schmerz aber diese Funktion „verloren“, weshalb er heute als eigenständiges Krankheitsbild behandelt werde: das „chronische Schmerzsyndrom“. Ob der Schmerz in dieser Ausformung tatsächlich seiner warnenden Aufgabe verlustig geht, ist fraglich. Vielmehr weist er als „Signal“ in einem umfassenderen Sinn auf Missstände hin, auch wenn bei den Betroffenen die direkten, individuellen Ursachen des Schmerzes nicht immer offensichtlich sind.

Zum chronischen Schmerz als Leitsymptom einer psychischen Erkrankung gehören unter anderem depressive Störungen. In den vergangenen Jahrzehnten verzeichnen Depressionen in Deutschland einen starken Anstieg. Nach Krankenkassendaten scheinen jüngere Generationen gefährdeter zu sein, im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Störung zu leiden.

Ursächlich für die Entstehung von Depressionen können Angststörungen sein, die wegen ihrer charakteristischen Unkontrollierbarkeit zu Erfahrungen von Hilf- und Hoffnungslosigkeit führen. Neben den Hauptsymptomen wie gedrückte Stimmung und innere Leere, Interessensverlust und Freudlosigkeit, Antriebsmangel und erhöhte Ermüdbarkeit gehen depressive Erkrankungen gelegentlich mit somatischen Symptomen in ganz unterschiedlichen Körperregionen einher, die Anfälligkeit für Infektionen ist erhöht. Neben häufig bestehender Reizbarkeit und Ängstlichkeit ist ein quälendes Druckgefühl auf der Brust von diesen „Vitalstörungen“ genannten Schmerzen am typischsten. Einer Studie zufolge klagt jeder vierte Patient mit Angststörung über chronische Schmerzen.

Doch was genau ist „Schmerz“ im Kern, welche Folgen hat er? Für die US-Professorin für Englisch und Amerikanische Literatur, Elaine Scarry (Der Körper im Schmerz, 1992), den deutschen Essayisten Karl Markus Michel (Der Schmerz: Illustrationen, 1986) sowie den deutschen Kulturwissenschaftler Helmut Lethen ist Schmerz, insbesondere extremer Schmerz, „nicht kommunizierbar“. Obwohl immer wieder versucht wird, den Schmerz in Worte zu fassen, entziehe sich das Schmerzempfinden der Sprache, zerstöre sie gar. Da er sich weigere, erklärt und interpretiert zu werden, könne der Schmerz seine Isolation nicht durchbrechen.

Der Schmerz verursache „Weltzerstörung“ und reduziere das Ich auf die reine Gegenwart des Körpers, fasst Andreas Kuhlmann zusammen: „Jener Horizont, den wir `Welt´ nennen, kann sich nur dort eröffnen, wo wir vom Körper Abstand nehmen, wo wir über seine Grenzen hinausgreifen und andere Objekte, seien sie mentaler oder materieller Natur, erreichen können“. Da er verhindere, dass sich das Ich in das symbolische Äußere des Körpers ausweitet, bedeute Schmerz Weltverlust. In anderen Worten: Der Schmerz, ob akut oder chronisch, erzeugt „Deprivation“, verhindert Entgrenzungserfahrungen und damit die Befriedigung der vier Grundbedürfnisse Variabilität, Stabilität, Ab- / Unabhängigkeit.

Musik und Weinen, Kunst und Sprache, Humor und Lachen: das entgrenzte Ich

Der Schmerz wirkt zentripetal. Doch gibt es Möglichkeiten, die Isolation des Schmerzes zu durchbrechen? Es ist bekannt, dass chronische Schmerzen eines von mehreren Arbeitsfeldern der Musiktherapie bilden. Generell gilt: Musik entspannt und macht daher den Schmerz erträglicher. Laut Alfred Huber, Spezialist für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie sowie Musiker und Komponist, ist Musik in der Lage, „den Schmerz zu überlisten“. Doch wie das?

Musik wurde als die „Resonanz der Seele“ (Barbara Gindl, 2002) bezeichnet. Physikalisch betrachtet, ist Musik Schall und besteht aus Schwingungen, die durch die Ohren in unsere Körper dringen. Dort können diese als Sinus- und Kosinus-Wellen beschreibbaren Schwingungen ihre Wirkung entfalten. Musik ist eine alternative Sprache, die imstande ist, Schmerz kommunizierbar zu machen – insbesondere für den Betroffenen selbst.

Denn Musik kann Schmerz zum Ausdruck bringen, von Schmerz verdeckte Emotionen freilegen, mit unserer Stimmung resonieren. Musik berührt, bringt uns zum Lächeln, löst Verkrampfungen und Blockaden, rührt zu Tränen, auch zu Freudentränen. Weinen ist Loslassen und dient – als nicht erlerntes – Sozialverhalten dem Stress- und Spannungsabbau. Musik ist An- und Entspannung, beruhigt den schmerzerfüllten Körper, entgrenzt das Ich.

Musik ist ein akustischer Spiegel uns bekannter Lebens- und Naturrhythmen. In zahllosen Formen manifestiert sich in ihr das Bewegungsprinzip, von dem hier die Rede ist: Musik ist imstande, das Kommen und Gehen, das Auf und Ab, das Werden und Vergehen abzubilden, das unseren universellen Erfahrungen und Bedürfnissen entspricht. Musik macht die Konsonanzen und Dissonanzen unseres Lebens hörbar. Musik ist Loslassen.

Dazu bieten die Eigenschaften der Musik unendliche Möglichkeiten der Variation. Zu diesen gehören im Wesentlichen wechselnde Tondauer (Notenwerte), wechselnde Tonhöhe (hoch / tief), wechselnde Tempi (schnell / langsam) samt Agogik als die Kunst der leichten Veränderung des Tempos, wechselnde Dynamik (laut / leise) samt allmählicher Verstärkung und Abschwächung der Lautstärke („crescendo“ / „decrescendo“), die unterschiedlichen Tonarten in Dur (hart und heiter) und Moll (weich und traurig), die Klangfarben der musikalischen Instrumente und/oder der menschlichen Gesangsstimmen sowie die Abfolge der so gestalteten Töne in einem zeitlich variablen Rahmen, der Rhythmus.

Doch letztendlich kann Musik so wie andere, ihr ähnliche Hilfsmittel nur die Symptome lindern, die Ursachen des Schmerzes kann sie aber nicht heilen. Zu den anderen Hilfsmitteln gehören die Kunst im Allgemeinen samt der Malerei und der Literatur. Auch wenn sie nicht unbedingt in Trance versetzt, erweitert die Kunst unseren Horizont, indem sie, vom Körper Abstand nehmend, uns die Welt eröffnet. Kunst entgrenzt das Ich – und hilft uns loszulassen.

Ähnlich wirkt überhaupt die „fiktive Sprache“ (Yuval Noah Harari) des Homo Sapiens, die mit der kognitiven Revolution vor etwa 70.000 Jahren entstand. Sie erlaubt es dem Menschen, über Dinge nachzudenken und zu sprechen, die es in der physischen Realität gar nicht gibt. Mit seiner neu erworbenen Sprachkompetenz verließ der Mensch die Welt des Indikativs und betrat das Reich des Konjunktivs. Sprache entgrenzt. In den grammatischen Formen des Irrealis spekuliert der Mensch, zumindest gedanklich, über Möglichkeiten, die neue Horizonte eröffnen können. Über die Frage, ob dies auf Kosten anderer Entgrenzungserfahrungen geschah, die nicht durch Sprache vermittelt werden, kann man nur spekulieren.

Feststeht, dass die griechische Tragödie nach Aristoteles, die mit Hilfe der Sprache irreale Welten schafft, auf „Katharsis“ abzielt, also auf die „Reinigung“ von bestimmten Affekten. Die moderne Psychologie hat sich diesen Begriff zu eigen gemacht und nimmt an, dass das bewusste Ausleben innerer Konflikte eine Reduktion negativer Emotionen und von Erregungszuständen wie Ärger und Wut, also eine „Läuterung der Seele“ bewirkt.

Als „Mängelwesen“ (Arnold Gehlen) ist der Mensch seit jeher darauf angewiesen, mit seinen Mitmenschen zu kooperieren. Die zum Überleben notwendige Kooperation ist ein Bedürfnis des Menschen, das seiner Sprachkompetenz vorausgeht. In der Gruppe („Zugehörigkeit“) fühlt er/sie sich stark und erfährt ein Gefühl von Einheit, das – wie beim Geschlechtsverkehr – das Ich entgrenzt. Die Gruppe, ob groß oder klein, erlaubt es ihm/ihr, einen Vorgang zu erleben, den der Experte für „Masse und Macht“ (1983), Elias Canetti, „Entladung“ nennt. Bei diesem Prozess, der sich insbesondere innerhalb der „Masse“ – als modernes Phänomen – abspielt, legen alle ihre trennenden Verschiedenheiten ab und fühlen sich als Gleiche.

Ein Sonderfall ist der Humor und das durch ihn ausgelöste Lachen. Humor ist laut dem deutschen Schriftsteller Otto Julius Bierbaum „wenn man trotzdem lacht“ – trotz der Unzulänglichkeiten der Welt, denen man im Humor mit heiterer Gelassenheit begegnet. Mit Humor lacht man über die unvollkommene Welt, mit der ihm verwandten „Selbstironie“ über das verletzliche Selbst. Humor bewirkt also Distanz zu sich selbst und zu einer Welt voller Spannung, die sich im Lachen entlädt. Lachen, so die Ergebnisse der „Gelotologie“, die die vielfältige Wirkung des Lachens erforscht, produziert körpereigene Glückshormone, stärkt das Immunsystem, löst Verspannungen und lindert Schmerzen. Lachen ist Loslassen!

Auch beim Lachen – einem emotionalen Ausdrucksverhalten, das angeborenen ist – werden unwillkürlich Muskeln in Kontraktion versetzt. Lachen ist eine Reflexbewegung und ist am vollkommensten, wenn unsere Aufmerksamkeit von unserem Körper abgewendet ist. Lachen ist auch als Entlastungsreaktion, als Methode zur Festigung sozialer Beziehungen und als Abwehrmechanismus gegen Angstzustände beschrieben worden.

Angst, Protestantismus, Kapitalismus: Der Nexus von Paranoia, Utopie und Leistung

Angst wird seit den Anfängen der Soziologie in zahlreichen Theorien thematisiert. Der Max-Weber-These zufolge ist die protestantische Ethik, die diese für die Entstehung des modernen Kapitalismus als grundlegend interpretiert, letztlich angstgetrieben. Insbesondere in der protestantischen Spielart der calvinistischen Prädestinationslehre im Puritanismus zeigt sich der Wirkungszusammenhang von paranoiden Ängsten vor satanischen Mächten, utopischen Sehnsüchten gegenüber dem prophezeiten Millennium und gesteigertem Leistungswillen.

Während man sich im Vertrauen auf die göttliche Fügung mit der Vorhersage über den Anbruch des Gottesreichs begnügt und sich im Warten auf die Wiederkunft Christi gereinigt hatte, glaubte man nun zunehmend, diese durch menschliche Aktivität erzwingen zu können. Denn mit dem bedrohlichen Feind im Nacken und dem irdischen Paradies vor Augen wurde für die Puritaner Leistungsbereitschaft („Arminianismus“) zum Gebot der Stunde, um die britischen Kolonien Neuenglands als „Bible Commonwealth“ aufzubauen. Darin spiegelt sich die Hoffnung auf Selbsterlösung des Menschengeschlechts zu Beginn der Neuzeit wider.

Seinen sprachlichen Ausdruck fand dieser Nexus von Paranoia, Utopie und Leistung in der Rhetorik der puritanischen „Jeremiade“ (Sacvan Bercovitch), die klagend und unablässig mit „chiliastischer Ungeduld“ (Götz-D. Opitz) Fortschritt einforderte. Die Millenniums-Vorstellungen vieler Chiliasten umfassten die Zunahme materiellen Wohlstands sowie die Intensivierung intellektueller Aktivität in Form von landwirtschaftlichen Verbesserungen, wissenschaftlichen Fortschritten und technologischen Erfindungen. Die ökonomischen Konsequenzen dieser christlichen Visionen führten im jungen, durch zwei Ozeane geschützten, an Bodenschätzen reichen und von bremsenden aristokratischen Traditionen unbeeinträchtigten Amerika unbeabsichtigt zu starker Kapitalakkumulation.

Mit ihren vom zukunftsgewandten Fortschrittsgedanken angestachelten Eroberungen lernten die Europäer, neuen Beobachtungen größeres Gewicht beizumessen als alten Überlieferungen. So wuchsen die modernen Wissenschaften mit den europäischen Imperien. Ein Bündnis, das den militärisch-industriell-wissenschaftlichen Komplex entstehen ließ. Adam Smith legitimierte diesen mit seinem Buch „Wohlstand der Nationen“, das „vielleicht wichtigste wirtschaftliche Manifest aller Zeiten“, so Harari, durch das der Ich-zentrierte Egoismus eine ethische Rechtfertigung erhielt. Es trug zur Entstehung der „Religion des Kapitalismus“ bei, in deren Zentrum der „Glaube an das grenzenlose Wachstum“ steht.

Im Kern ist die Jeremiade der sprachliche Ausdruck christlicher Eschatologie. Ihr zugrunde liegt ein Geschichtsverständnis, das ausgehend vom Sündenfall kumulativ und teleologisch (lat. telos = Ziel) auf das Millennium am Ende der Zeit hinsteuert. Darin äußert sich der Fortschrittsgedanke, der eine lineare Sicht von Zeit im Geschichtsverlauf voraussetzt. Die in der judäo-christlichen Tradition verankerte Vorstellung eines Zeitstrahls, an dessen beiden Enden „das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte“ (Jesus Christus) steht, umschreibt ein einmaliges heilsgeschichtliches Geschehen, das sich nicht wiederholt.

Eingedenk der Endzeitschlacht vom Armageddon, der Schlacht zwischen Gut und Böse („Anspannung“), die zeitlich vor dem Tausendjährige Reich („Entspannung“) liegt, scheint hier das beschriebene Bewegungsprinzip des Kommens und Gehens, des Auf und Ab als Vorbild gedient zu haben. Man spricht daher auch von „eschatologischer Spannung“ zwischen „Schon“ und „Noch-nicht“. Das geometrische Element der geraden Linie entspricht aber nicht dem System der Teilhabe, deren symbolische Form der dynamische Kreis ist. Indianische Kulturen beispielsweise haben kein lineares, sondern ein zirkuläres Denken herausgebildet.

Drei Jahrhunderte lang waren die Europäer die unumstrittenen Herrscher Amerikas, Ozeaniens, des Atlantiks und Pazifiks. Ihre wirtschaftliche Macht, die auf Wachstum zielt, basiert letztlich auf religiös motivierter, angstgetriebener Leistungsbereitschaft. So sagte US-Präsident Ronald Reagan, dessen Präsidentschaft den Durchbruch des marktradikalen Neoliberalismus markiert, in seiner Inaugurationsrede 1981 mit exzeptionalistischem Anspruch: „Wenn wir nach Antworten suchen, warum wir … wie kein anderes Land auf Erden so viel Wohlstand angehäuft haben, dann liegt der Grund darin, dass wir hier die Energie und die individuellen Begabungen des Menschen im größeren Maße entfesselten als jemals zuvor“.

Einige Analysen der Gegenwart wie beispielsweise Die Risikogesellschaft des deutschen Soziologen Ulrich Beck, die 1986 im Jahr der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erschien, oder Liquid Fear (2006) des polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman beschreiben den Westen als Leistungsgesellschaften, die in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend von Angst besetzt sind. Laut Bauman leben die Menschen in der „verflüssigten Moderne“ der Gegenwart in einem Zustand ständiger Angst vor Gefahren, die unangekündigt und zu jeder Zeit zuschlagen können (Natur- und Umweltkatastrophen sowie Terroranschläge).

So ist man geneigt, möchte man den gegenwärtig vorherrschenden Persönlichkeitstypus ermitteln, den „depressiven“ als einen von vier Typen auszuwählen, die der deutsche Psychoanalytiker Fritz Riemann in seinem Werk Grundformen der Angst (1961) beschreibt. Eine der „Grundängste“ des Menschen ist für Riemann die „Angst vor Veränderung“. Im gegenwärtigen Turbo-Kapitalismus ist aber, folgt man dem von Joseph Schumpeter beschriebenen Leitmotiv der „schöpferischen Zerstörung“, Veränderung fortwährend und beständiger Wandel omnipräsent; insbesondere im digitalen Zeitalter der Postmoderne, in der sich, so Bauman, Macht mit der Geschwindigkeit elektronischer Signale bewegt.

Der entfremdete Mensch: Die verloren gegangene Einheit von Leistung und Teilhabe

„Diese Wirtschaft tötet“. Dieser Satz, der Ökonomen empört hat, stammt nicht von einem linksradikalen Marxisten, sondern von Papst Franziskus, der sich nach dem radikalsten aller Heiligen benannt hat. Er schrieb diesen Satz 2013 in seinem Lehrschreiben „Die Freude des Evangeliums“. SZ-Redakteur Matthias Drobinski (2014) fügt hinzu: „Sie tötet, weil sie maßlos ist, wenn man sie nicht begrenzt, diese Macht. Sie tötet, weil sie in den Menschen die Gier nach Profit weckt, … weil sie auf Kosten der Armen und Schwachen funktioniert, auf Kosten der Umwelt, des Klimas und der Ressourcen dieser Erde“. Der Urbanistin Ananya Roy zufolge leben wir „in Zeiten krasser sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit“ (2019).

Während diese Wirtschaft hauptsächlich im Süden tötet (Industriekatastrophen wie Bhopal 1984 und Fukushima 2011, Hungerkatastrophen etc.), macht sie im Norden krank. Zwar weisen Thorwald Dethlefsen und Ruediger Dahlke (1989) darauf hin: „Der Mensch ist vom Kranksein nicht zu befreien, da die Gesundheit es als Gegenpol braucht … Kranksein meint den Zustand der Unvollkommenheit … der Verletzlichkeit, der Sterblichkeit“. Doch haben wir es gegenwärtig mit einer Verschiebung natürlicher Krankheitsbilder in Richtung der „Zivilisationskrankheiten“ zu tun, die in den Industrieländern häufiger vorkommen. Zu diesen gehören Karies, Bluthochdruck, Herz- und Gefäßkrankheiten, Übergewicht, Allergien, bestimmte Krebsarten und die bereits besprochenen Depressionen und Angstzustände.

Andererseits sind diese auch im Süden auf dem Vormarsch. Anfang 2017 verkündete die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die Zahl der Menschen mit Depressionen rasant steige – und zwar weltweit: 322 Millionen seien 2015 betroffen gewesen, das wären rund 18 Prozent mehr als noch zehn Jahre zuvor. Die WHO geht davon aus, dass Depressionen bis 2030 die größte Krankheitslast in den Industrienationen verursachen – noch vor den Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dazu passt, dass dem Europäischen Berufsverband für Lachyoga und Humortraining zufolge im Deutschland vor 40 Jahren Erwachsene noch 18 Minuten am Tag gelacht hätten, heute seien es nur noch 6 Minuten. Außerdem lachten Kinder etwa 400mal am Tag, Erwachsene nur noch 15mal. Wichtig dabei ist, dass Erwachsene sicherlich mehr im Leistungsdenken sind als Kinder.

Allerdings weisen die feinfühligen Antennen von Kindern auf eine klare Tendenz hin: So sagte beispielsweise ein Dreijähriger zur Soziologin und Verhaltenswissenschaftlerin Gertrud Müller, Vorsitzende des Vereins Frieden macht Schule e.V., „die Uhren sollten schlafen, dann müssten sich die Menschen nicht so beeilen“. Oder ein Vierjähriger begründete seinen Wunsch „Ich möchte in Rente gehen“ damit, dass Kindergarten wie anstrengende Arbeit sei. Darüber hinaus stimmt die Nachricht nachdenklich, dass einer Langzeitstudie des General Social Survey zufolge (April 2019) junge Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren weniger Sex als Gleichaltrige in früheren Jahrzehnten haben, zumindest in den USA. 2018 habe demnach die Zahl der Menschen, die keinen Sex haben, einen Höhepunkt erreicht.

Woran krankt unsere, vom westlichen Zivilisationsmodell geprägte Welt im Innern? „Der Mensch ist krank, weil ihm die Einheit fehlt“ (Dethlefsen/Dahlke). Welche Einheit könnte hier gemeint sein? Eine mögliche Antwort auf diese Frage lautet: Das „System der Teilhabe“, das mit dem „System der Leistung“ (Haerlin) eine Einheit bildet. Beide Systeme sind kein Gegensatzpaar, sondern bilden ein Paradox. In dessen Rahmen bedingen sie sich gegenseitig. Das Loslassen geschieht beim Übergang von der Leistung in die Teilhabe. So wie es der Leistung körperlicher Anstrengung bedurfte, bis ich beim Joggen das Runner’s High erlebte, so geht es bei vielen der hier beschriebenen Phänomenen des Auf und Ab.

Nehmen wir als weiteres Beispiel das Fahrradfahren: Um in den Genuss zu kommen, mit Hilfe der Gravitation ohne Anstrengung und „wie von selbst“ ins Tal hinab zu fahren, muss ich erst mal die Mühe auf mich nehmen, auf den Berg zu strampeln. Als weiteres Bild dient die Rolltreppe: Wenn das Ziel lautet, im Gleichgewicht auf gleicher Höhe zu verweilen, muss ich mich aus eigenem Antrieb heraus auf einer nach oben fahrenden Rolltreppe entgegen der Fahrrichtung bewegen, also mit eigener Leistung nach unten gehen. Und zuletzt: Stellen wir uns zwei ineinandergreifende Zahnräder vor, das eine steht für Leistung, das andere für Teilhabe. Beide Räder drehen sich in entgegengesetzte Richtungen: das rechte nach rechts, das linke nach links. Dennoch führen beide in der Verzahnung eine Bewegung nach oben aus.

Beide Systeme sind jedoch in Unwucht geraten, so Haerlin: Das heutige Leistungssystem habe „unsere Geschichte auf allen Lebensgebieten geprägt und die tragende `weibliche´ Substanz der Welt fast ganz vernichtet“. Es gelte, das Leistungssystem durch Teilhabe zu überwinden. Doch wie konnte es zu diesem Ungleichgewicht zwischen beiden Systemen zugunsten der Leistung kommen? Generell ist zu bilanzieren, dass sich der Mensch in 500 Jahren wissenschaftlicher und industrieller Revolution von der Natur entfremdet hat.

Man kann noch weiter zurückgehen: Laut Harari diskutiert die Wissenschaft die Frage äußerst kontrovers, wer mehr arbeiten, wer mehr leisten musste: Der „Wildbeuter“ zwischen kognitiver und landwirtschaftlicher Revolution, die vor rund 12.000 Jahren stattfand, oder sein sesshafter Nachfahre, der – bis heute – als Bauer sein Dasein fristete. Vieles deutet darauf hin, dass der Wildbeuter ein freieres, weniger arbeitsintensives Leben führte. Seine „Work-Life-Balance“, um einen modernen Begriff zu bemühen, war ausgeglichen. Das Konzept der „Work-Life-Balance“ gewann in den USA erst in den 1980er Jahren des 20. Jahrhunderts an Bedeutung – und damit vermutlich zu einer Zeit, als in der Reagan-Ära das Ungleichgewicht zwischen Leistung und Teilhabe schmerzhafte Formen anzunehmen begann.

Der Marxismus unterscheidet zwischen „Selbstverwirklichung“ als „Gattung in der Natur“ und als „Individuum in der Gesellschaft“. Die Vergesellschaftung des zunehmend urbanisierten und digitalisierten Menschen ist – als Maß seiner Entfremdung von der Natur – auf Kosten des ersteren Verständnisses weit fortgeschritten. Nur ein Beispiel: Heutzutage sind bei unerfahrenen Müttern zahlreiche „Still-Apps“ in Mode gekommen, die sie im jungen Baby-Glück zu benötigen glauben, um ihren (natürlichen?) Still-Rhythmus zu finden.

Mehr entgrenzende Teilhabe-Erfahrungen würden dabei behilflich sein, diese Entwicklung zumindest abzuschwächen, sodass der von der Natur entfremdete Mensch die „intrinsische Werthaftigkeit der Natur“ (Hans Jonas) nachhaltig anerkennt – und somit seine eigene Werthaftigkeit „als Gattung in der Natur“ wiedererkennt. Eine so verstandene „Fernstenliebe“ (Jonas) wäre eine aus Eigeninteresse praktizierte Ethik, die nicht nur den entfernten Nächsten miteinschließt, sondern auch die entfernte Umwelt.

Das Leistungs-Ich begehrt als erfolgsorientiertes, in Konkurrenzverhalten geübtes Individuum nach der Matějček´schen „Variabilität“ und betont größtmögliche „Autonomie“ auf der ständigen Suche nach Stimulation. Der Teilhabe-orientierte Mensch hingegen betont „Stabilität“ im Streben nach zeitlicher Kontinuität sowie „Abhängigkeit“ (Zugehörigkeit), die Kooperation mit seinem Mitmenschen und Respekt vor der Natur miteinschließt. Während das Leistungs-Ich voller Hochmut sagt „Ich kann, weil ich will, was ich muss“ (Immanuel Kant), sagt der Teilhabe-orientierte Mensch mit Demut: „Es befähigt uns, weil wir wollen, was wir sollen und dürfen“. Das individuelle Bedürfnis der „Selbstverwirklichung“ (Maslow) muss sich tendenziell in ein kollektives Bedürfnis der „Umweltverwirklichung“ verwandeln.

Wachstumsideologie und Konsum als „Klimakiller Nummer Eins“: Verzicht als Loslassen

Nun ist es sicherlich so, dass man entgrenzende Teilhabe-Erfahrungen instrumentalisieren kann, um den Menschen noch leistungsfähiger zu machen. So setzen manche Arbeitgeber Techniken des Lach-Yoga oder Achtsamkeitsübungen ein, um zumindest die Motivation ihrer Arbeitnehmer zu steigern. Doch ist die Wiederentdeckung der Teilhabe, wie bereits angeklungen, in einem noch umfassenderen Sinne wichtig, gar existenziell: Diese Wirtschaft „tötet“ auch unsere natürlichen Lebensgrundlagen und zerstört das Klima. 2010 wies das Worldwatch Institute darauf hin, dass der weltweite Konsum „Klimakiller Nummer Eins“ sei.

Der Konsum zahlloser Waren und Dienstleistungen ist das Vehikel, mit dem das autonome Leistungs-Ich sein Bedürfnis nach variabler Stimulation befriedigt. Zudem dient Konsum dem depressiven, von Schmerzen und Einsamkeit geplagten Persönlichkeitstypus als Strategie der Ablenkung und als Ersatzbefriedigung für echte Sozialkontakte. Leidet dieser doch unter einem gleichermaßen aus Angst vor dem Leben und dem Tod bestehenden inneren Konflikt, der – besonders angesichts neuer Lebensphasen – zu bewegungsloser Apathie und Starre führt (Dethlefsen/Dahlke), aus der nur Hyperstimulation einen Ausweg zu versprechen scheint.

So wie der Schmerz das Ich auf die reine Gegenwart des Körpers reduziert, ist auch der westliche Lebensstil mit seinen Konsumgewohnheiten gegenwartsfixiert. In seinem Streben nach Stimulation durch Konsum drängt er auf sofortige Bedürfnisbefriedigung ohne Belohnungsaufschub („instant gratification“). Damit verstellt er den Blick auf die kollektive Zukunft, die von diesem individuellen Lebensstil in der Masse bedroht wird. Als Beispiel dient das Individualität und Unabhängigkeit versprechende Automobil – mit dem wir doch nur im Zeit verzehrenden und Gesundheit gefährdenden Stau stehen.

Die Ex-und-Hopp-Mentalität unserer konsumfixierten Wegwerfgesellschaft setzt einen Menschentypus voraus, der sich durch mangelhafte soziale Bindungsfähigkeit auszeichnet. So erscheint der moderne Konsummensch als „Philobat“, der sich vom „oknophilen“ Typ (Michael Balint) durch die Intensität von Objektbeziehungen unterscheidet. Ersterer zeichnet sich durch lose, zweiterer durch enge Objektbeziehungen aus. Der „Philobat“ zieht die Weite der Enge vor – und findet sie in billigen Fernflügen. Anstatt zu klammern, ist er imstande, sich leichter von Menschen und Dingen zu trennen – und häuft so unsere Müllberge an.

Der „oknophile“ Menschentypus muss aber keineswegs der bessere Öko-Mensch sein, wenn man seine Tendenz zum Klammern bedenkt, also seine weniger ausgeprägte Fähigkeit loszulassen. Im Gegensatz zum „Philobat“ hat der „oknophile“ Typ größere Probleme im Umgang mit Veränderungen. Radikaler Umwelt- und Klimaschutz bedeutet jedoch eine der größten Transitionen, vor der die ganze Menschheit jemals gestanden hat. Es bedarf also auch hier einer ausgeglichenen Mischung: So oknophil wie möglich, so philobat wie nötig.

Der durch Leistung ermöglichte Konsum ist der Motor für vermeintlich ewiges Wachstum. Dessen „Grenzen“ hat aber bereits vor bald 50 Jahren der Club of Rome (1972) in seiner in Vergessenheit geratenen Studie eindrucksvoll aufgezeigt. So verwies auch Eckart von Hirschhausen, der sich in der Organisation Scientists for Future engagiert, auf die begrenzten Ressourcen der Erde: „Die Idee von Wachstum, Wachstum, Wachstum ist einfach krank“; wenn in uns etwas ständig wachse, ohne Grenzen zu respektieren, „dann ist das Krebs“.

Jedes Kind weiß, dass man einen Luftballon nicht ewig aufpumpen kann, ohne dass er platzt. Dennoch hält unsere leistungsorientierte Wirtschaftsweise an der Wachstumsideologie fest. Sie erscheint als säkularisiertes Erbe christlich-abendländischer Eschatologie. So gibt es auch im Bereich der Ökologie keine Alternative zum Einleben in die Teilhabe, muss doch das Ziel lauten, ein neues Gleichgewicht zwischen ihr und der Leistung andererseits zu etablieren.

Ein Gleichgewicht, das im ökologischen Kontext „Nachhaltigkeit“ heißt. Diesem Prinzip zufolge dürfen nicht mehr Ressourcen verbraucht werden, als jeweils nachwachsen können. Wer aber Konsum und Wachstum radikal reduzieren und begrenzen möchte, muss Verzicht üben. Verzicht bedeutet Abschiednehmen von unserer maßlosen Lebensweise. So spricht der Weltklimarat in seinem Sonderbericht vom Sommer 2019 sogar von „Überkonsum“, demzufolge allein die Verschwendung von Lebensmitteln bis zu 10 Prozent der weltweiten Treibhausgase ausmachten, mit denen das Klima belastet wird. Verzicht ist Loslassen.

Um den Klima-GAU zu verhindern, bedarf es eines Kultur- und Strukturwandels, der angesichts der eingeschliffenen Konsumgewohnheiten eine enorme Herausforderung darstellt, die Riemann´sche „Angst vor Veränderung“ weckt. Doch entweder verändern wir uns freiwillig und noch rechtzeitig, oder der Klimawandel zwingt uns ohnehin zur Veränderung, indem er mit seinen tödlichen Folgen unsere Zivilisation zerstört. Davor warnt der britische Philosoph Rupert Read in seinem Vortrag „This civilisation ist finished“.

Es gibt keine Alternative. So formulierte der Schriftsteller Günter Kunert bereits Ende der 1980er Jahre: Die Megamaschine der Effizienz „ist der große, globale Gleichmacher … Wenn aber als einzige Wunschvorstellung nur noch die Befriedigung materieller Bedürfnisse übrigbleibt, also jene überall immer mehr um sich greifende Epidemie, und sich Ost und West auf der `Verbraucher´-Ebene brüderlich vereinen, dann wird ein altes jüdisches Sprichwort wahr, das besagt: Wenn alle Leute in die gleiche Richtung gehen, kippt die Welt um“.

Die westliche Zivilisation pervertiert das Bedürfnis nach Stabilität als Erleben einer zeitlichen Kontinuität von Vergangenem, Gegenwärtigem und Künftigem zur linearen Verstetigung der Gegenwart durch Stimulation im Konsum. Diese angstbehaftete Gegenwartsfixierung findet ihre Entsprechung in dem Trend, dass wir zirkuläre Natur- und Lebensrhythmen des Werdens und Vergehens nach dem Vorbild der geraden Linie anpassen wollen.

So greifen wir seit Erfindung des elektrischen Lichts in den ewig wiederkehrenden Tag-Nacht-Wechsel ein und machen die Nacht zum hellichten Tag. Auch beim Lebensalter strebt der Mensch nach Mehr, will er sich doch auch hier nicht abfinden mit den Grenzen, die ihm/ihr die Natur setzt: So arbeiten gegenwärtig sieben Forschungsansätze an technischen Möglichkeiten, den Tod weiter hinauszuschieben und menschliches Leben zu verlängern, indem sie versuchen, das Altern auszutricksen.

Schleifenquantenkosmologie und Sternenstaub: Das utopische Potenzial des Verzichts

Verzicht auf Konsum bedeutet keine Askese und bietet keinen Anlass für Verlustängste. Er schafft vielmehr entschleunigte Freiräume, die mit lebensbejahenden Aktivitäten gefüllt werden können, um entgrenzende Teilhabe zu ermöglichen. Nehmen wir den Hunger und das Fasten: Ersterer bedeutet erzwungener, zweiterer freiwilliger Verzicht auf Nahrung, der seit Jahrhunderten in vielen Kulturen praktiziert wird. Dennoch berichten Fastende immer wieder von seinen reinigenden und entgiftenden Effekten. So interessiert sich die Medizinforschung zunehmend für die heilende Wirkung des Heilfastens auf Körper, Geist und Seele.

Oder nehmen wir die Philanthropie: Mit einer Sach-, Zeit- oder Geldspende verzichtet der Geber auf seine/ihre Gabe. Etwas freiwillig abzugeben, bedeutet Verzicht. Doch handelt der Spender niemals selbstlos, sondern bekommt immer „etwas zurück“. Philanthropie ist Verzicht mit Aussicht auf Belohnung und Bedürfnisbefriedigung. So ergab eine repräsentative Umfrage anlässlich des Giving Tuesday 2019, dem internationalen Aktionstag für soziales Engagement, dass in Deutschland das Spenden die Befragten mit 78,7 Prozent deutlich glücklicher macht als das Schnäppchen-Shopping mit nur 56,1 Prozent.

Gemeinsam geübter Verzicht – ob freiwillig im individuellen Konsumverhalten oder zwangsweise im staatlich verordneten Klimaschutz, der für den Verzicht notwendige Rahmenbedingungen schafft – hat utopisches Potenzial. Denn Verzicht leistet nicht nur einen entscheidenden Beitrag für Erich Fromms Entwurf einer „neuen Gesellschaft“, für den sich der „Geist des Seins“ auch durch „vernünftigen Konsum“ auszeichnet, der „maximalen Konsum“ als „Gedanke des Habens“ ersetzt. Sondern Verzicht stellt darüber hinaus Kooperation über Konkurrenz, im Kleinen (Teamwork) wie im Großen (Multilateralismus).

„Alles ist mit allem verbunden. Der Teil spiegelt sich im Ganzen, das Ganze im Teil“, so Haerlin. Qualität statt Quantität. Weniger ist mehr. Loslassen als innere Haltung. Loslassen ist Hingabe und ist mit der Leidenschaft verwandt. Deren Bewegung ist indes ein eiferndes und aktives Drängen. Hingabe hingegen ist ein passives Empfangen, ein Sich-Öffnen.

Verzicht als Utopie, die den Weg als Ziel vorgibt, könnte die Erdenmenschen auf einem gemeinsamen Nenner vereinen und dabei Unterstützung von der Naturwissenschaft erhalten, macht sie uns doch auf Folgendes aufmerksam: Wir sind alle Sternenstaub! Dem Astrophysiker Andreas Burkert zufolge sind wir Menschen „in einem ganz natürlichen Prozess“ aus dem Universum hervorgegangen: „Die Energiequelle ist die Fusion von Wasserstoff zu Helium. Aus dem Helium wiederum entstehen die schwereren Elemente, Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff“, die späteren Bausteine des Lebens.

Im Rahmen der „Schleifenquantenkosmologie“ wird derzeit über ein „zyklisches Universum“ spekuliert, das immer im Wechsel bis zu einer maximalen Ausdehnung expandiert und zu einer minimalen Ausdehnung kollabiert. In diesen Überlegungen spiegelt sich das hier besprochene Bewegungsprinzip wider: das Kommen und Gehen, das Auf und Ab, das ewige Werden und Vergehen. „Ein Lebensgefühl des partizipierenden Bewusstseins, in dem auch der Kosmos als ein Ort des sich Zugehörigfühlens erfahrbar wird“ (Haerlin).

Trotz linearen Zeitverständnisses redet die Bibel (1 Mo 3,19; 18,27) zyklisch von „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“, so die bekannte Beisetzungsformel. – Kosmischer „Sternenstaub“, sollte man aus Sicht der Astrophysik ergänzen. Dem Sternenstaub in uns, so scheint es, sind zentrifugale Kräfte eigen. Er will sich ausdehnen, so wie es das Weltall seit dem Urknall tut. Wir sollten ihn, wir sollten uns expandieren lassen – „wie von selbst“ – und die Teilhabe vom Joch der Leistung befreien, damit sich das natürliche Gleichgewicht wiederherstellt. „Vom Leistungszwang zur Mühelosigkeit“, wie es Haerlin formuliert. Also: Lassen wir doch einfach mal wieder los.

Götz-Dietrich Opitz ©, Balanstraße 28, D-81669 München, goetz.opitz@gmx.net

Porträt Dr. Götz-Dietrich Opitz
Dr. Götz-Dietrich Opitz

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GÖTZ-DIETRICH OPITZ, Jahrgang 1964, Dr. phil. der Amerikanischen Kulturgeschichte, ist PR-Experte und Fundraiser und arbeitet derzeit für die Schwesternschaft München vom BRK e.V. An der Fresenius-Hochschule München hielt er im WS 2016/17 einen Lehrauftrag zum Thema „Journalismus und PR“ ab; zahlreiche Artikel, Interviews, Vorträge, Seminare und Monographien, z.B. Haitian Refugees Forced to Return: Transnationalism and State Politics, 1991-1994 (Münster: LIT, 2004).