Saly-african accessoires

Die Geschichte einer etwas außergewöhnlichen Firmengründung

Da stand er nun in der Tür unserer Schwabinger Wohnung: Baudouin aus Senegal, ein Seminarteilnehmer des Goetheinstitutes München und unser Gast für die nächsten Wochen.
Wir hatten uns als Gasteltern bereit erklärt, einen Deutschlehrer aus Afrika bei uns aufzunehmen, ihm Kost und Logis zu bieten und die Möglichkeit zu geben den Alltag einer deutschen Familie hautnah mitzuerleben. Untertags wurden die Lehrer in den Räumen des Goetheinstitutes fortgebildet, die Nachmittage und Abende waren meist frei und boten daher die Möglichkeit sich besser kennenzulernen.
Freundlich schaute unser Gast hinter seinen Brillengläsern hervor, während in mir für einen Augenblick die entsetzlichen Bilder des afrikanischen Flüchtlingsdramas im Mittelmeer auftauchten. Also das war auch Afrika – ein perfekt deutschsprechender Gymnasiallehrer, ein Kollege, der über Goethe promoviert hatte, wie er uns auf unsere Nachfragen mitteilte.
Wir wunderten uns zunächst etwas über das wenige Gepäck, aber Baudouin erklärte uns, dass der große Koffer leider nicht mitangekommen wäre, vermisst sei und hoffentlich bald nachgeliefert werden würde. Als dieser schließlich ankam, verschwand unser Gast damit in seinem Zimmer, kam freudig zurück und verkündete, sein Gastgeschenk wäre jetzt genau richtig, richtig reif. 24 Kilo Mangos -die süßesten, besten Mangos, die wir je gegessen hatten.
Es blieb nett, richtig nett, so nett, dass aus einem Gast unser Freund wurde. Als er schweren Herzens abreiste, fehlte er uns und wir fehlten ihm. Nach der Geburt seines Sohnes schlug Baudouin unsere älteste Tochter als Patentante vor und lud uns an Weihnachten zur Taufe in den Senegal ein. Zunächst waren wir zurückhaltend, denn für uns als 5- köpfige Familie mit 3 Kindern, einem Hund, diversen Meerschweinchen und zwei Pferden war es nicht so ganz einfach die Reise so kurzfristig zu organisieren. Zum anderen hatten wir Sicherheitsbedenken, aber Baudouin beruhigte uns: Das Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen sein geprägt von gegenseitigem Respekt, Senegal sei zwar ein armes Land, aber ein sehr sicheres Land, indem die Reisenden nichts zu befürchteten hätten. Gegen tropische Krankheiten müsse man sich impfen, aber die Impfstoffe seien in der Regel gut verträglich.

Ein alltägliches Fuhrwerk

Sollten wir wirklich? Ja wir sollten!
Kaum hatten wir den modernen Flughafen verlassen, tummelten sich Ziegen und Esel rechts und links der Fahrstraße, kleine Dörfer mit traditionellen Rundhütten wechselten sich mit einfachen Häusern ab. Die Landschaft übersät von Plastikmüll. Schließlich erreichten wir Saly, den wohl bekannteste Ort an der Küste.

Hütten und einfache Häuser wechseln sich ab.Und überall: Plastikmüll
In der Kirche während der Taufe. Unsere Tochter Lea, die Taufpatin, Baudouin, seine Frau Jeanne und auf dem Arm des Bruders Joseph- der kleine Bertrand

Wir hatten dort Zimmer reserviert, bevor es am nächsten Tag nach Fandene, einem kleinen Dorf ging. Die Taufe und den anschließenden Feierlichkeiten fanden in einer katholischen Kirche statt und wir freuten uns den Rest der Familie kennenzulernen.

Danach wollten wir gerne so viel wie möglich von diesem Land erkunden. Was uns auffiel, waren die Horden von bettelnden Kindern, die auf uns zustürmten, sobald sie uns entdeckten. “Toubab-Weiße!“, und schon waren wir umringt. Litten die Kinder wirklich Hunger oder wurden sie ausgesandt um Geld einzusammeln um dieses dann Erwachsenen auszuhändigen?

Eine bettelnde Jungstruppe in Saly
Ich schaffe es nicht- nicht zu geben…
Ich schaffe es nicht- nicht zu geben…

Aber nicht nur Kinder umringten uns, sondern auch vornehmlich junge Männer, die uns ihre Dienste anboten als Fahrer, Autowäscher, Lastenträger, Fremdenführer, Übersetzer. Auch Frauen, die anboten für uns zu kochen, die Wäsche zu waschen, etc.
Wir lehnten ab. Wer lässt sich denn, wenn er in Schwabing wohnt mit einem Fahrer die Leopold-straße hinauf- und hinunterfahren? Wer lässt sich seine Einkäufe nach Hause tragen? Welche Familie lässt sich das Abendessen von einer Köchin zubereiten?
Wir fühlten uns allein bei der Vorstellung schon unwohl, uns von Senegalesen bedienen zulassen. Alle Erklärungsversuche unsererseits, dass dies als Weißer, als Deutscher, als Mann, als Frau, als Touristen etc. nicht geht- stießen auf trauriges Kopfschütteln und spornten zu noch mehr Dienstleistungsangeboten an.
Baudouin erklärte uns, dass die Menschen einfach versuchten etwas Geld zu verdienen, denn das Heer an Arbeitswilligen sei riesig, aber das Arbeitsangebot gering. Die Bezahlung außerdem so schlecht, dass viele mit ihrem Verdienst einfach nicht über die Runden kämen und so ihr Gehalt mit allerhand Nebenjobs aufbesserten. Oft hätte nur ein einziges Familienmitglied Arbeit und würde dann die ganze Familie unterstützen. Krankenversicherung oder Soziale Sicherung gäbe es im Senegal nicht. Angesichts dessen, wunderten wir uns, dass wir zwar hungernde Menschen sahen, aber niemand verhungerte. Die Bilder afrikanischer Hungersnöte, verursacht durch Kriege und Missernten kannten wir ja nur zu gut. Die Aussichtslosigkeit an der eigenen Situation etwas verändern zu können, bedingt durch die enorme Jugendarbeitslosigkeit war also das, was die jungen Männer dazu trieb ihr Glück in Europa suchen zu wollen.

Diejenigen die bleiben, versuchen so gut wie möglich zu überleben. Wir beobachteten wie sich vornehmlich unattraktive, alte, europäische Männer mit hübschen, jungen Senegalesinnen amüsierten. Wir schämten uns fremd für unsere eigenen Leute.
Wir schämten uns als Europäer auch dafür, wie sich manche der Exkolonialherren (Franzosen) noch immer in diesem Land benehmen. Viele Franzosen igeln sich in Residenzen in hervorragender Strandlage zu Urlaubszwecken ein, während die Afrikaner nur Zutritt zum Putzen oder Poolreinigen bekommen. Als wir mit unserem Freund eine dieser Residenzen besichtigten, wurden wir allen Ernstes von einem französischen Bewohner gewarnt uns mit einem Senegalesen zu befreunden. Dieser hatte uns aber vorher mit einem Augenzwinkern mitgeteilt, dass er leider Frankreich für 15 Jahre meiden müsse. Kriminelle, die sich im Senegal versteckten um uns dann vor der einheimischen Bevölkerung zu warnen-wir waren schockiert und verließen die Residenz-nicht ohne uns bei der Direktion beschwert zu haben über so offensichtlich rassistisches Benehmen. Unser Freund Baudouin erklärte uns, dass dieses Verhalten nicht außergewöhnlich wäre. Umso trauriger-wie wir fanden!

In einer der vielen Residenzen in oder um Saly herum

Wie konnte man Geld sinnvoll im Land lassen ohne Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die man gar wünschte oder einfach nur zu spenden? Wie konnte man Arbeit schaffen, wo es doch an Verdienstmöglichkeiten mangelte.
Ich hatte während unserer Fahrten überall da, wo ich etwas „“Handgemachtes“ entdeckt hatte, immer ein Exemplar gekauft, eine Tasche aus buntem Waxstoff, ein mit Muscheln verziertes Haarband, ein Tuch etc. Ich fragte unseren Freund, wo diese Dinge hergestellt würden.
Es dauerte einige Tage und das “Buschtelefon“ hatte funktioniert. Wir fuhren nach Dakar, der riesigen Hauptstadt, eine Stadt ohne Straßenschilder, ein Wirrwarr aus Straßen, Gassen und Märkten. Durch Dakar schob ich ein nie abreisender Strom an Bussen und Autos.

Ein Markt in Dakar
Stau, Stau, Stau

 

Wir trafen Cheikh, den “artist des pruduits de wax“. Oh je, ein Schneideratelier hatte ich mir anders vorgestellt. Ein winziger total vollgestellter Raum, wahninnig heiß, Tisch an Tisch, Maschine an Maschine gestellt.

Das Atelier von Cheikh
Crew
Moussa, unser “Logisticman“, eine Mitarbeiterin, Cheikh, zwei Mitarbeiter

Ich zeigte ihm meine gesammelten Schätze und fragte ihn, ob er diese Dinge herstellen könne. Er bejahte und zeigte uns seine Werke. Ich bestellte bei Schmuck, Taschen, Haarbänder, genau für den Warenwert, den wir zollfrei einführen durften und 50 kg schwer, das war genauso viel wie wir mitnehmen konnten.

Unsere Tochter Lea und Cheikh, der Schneider
Unsere Tochter Lea und Cheikh, der Schneider

 

Unsere älteste Tochter, die gerade Abitur gemacht hatte und sich ein “Ausjahr“ gönnte, bot sich an die Waren auf Märkten zu verkaufen. So konnten wir Cheikh und seine Leute unterstützen und damit neue Verdienstmöglichkeiten für sie schaffen.
Die wichtigsten Aufgaben lagen darin, Transportmöglichkeiten von Senegal nach München zu organisieren, verlässliche Mitarbeiter in Senegal für Verpackung und Versand zu finden, Zoll- und sonstige Einfuhrbestimmungen verstehen zu lernen, ein Zelt und einen Transporter zu kaufen und eine Ladeneinrichtung zu bauen.

Crew

Im Flughafen von Dakar: Die erste Bestellung wird auf den Weg gebracht.
Im Flughafen von Dakar: Die erste Bestellung wird auf den Weg gebracht.

Es zeigte sich, dass unsere Familie über ungeahnte Ressourcen verfügte. Mein Mann und Sohn bauten die Ladeneinrichtung, meine Tochter gründete die Firma und entwarf das Logo, ich bestellte die Ware und organisierte die Teilnahme an den verschiedenen Festivals.

Unser Stand auf dem Afrikafestival in München
Unser Stand auf dem Afrikafestival in München

 

Die ersten Festivals- unter anderem In München waren so erfolgreich, dass wir nach 3 Tagen fast ausverkauft waren. Wir bestellten mehr und mehr.

Ich, unsere Tochter Lea und mein Mann Hape
Ich, unsere Tochter Lea und mein Mann Hape

 

Unsere Tochter Mara, ich und unser Freund aus dem Senegal
Unsere Tochter Mara, ich und unser Freund aus dem Senegal

Die Afrikaner profitieren von unseren Aufträgen, so konnte unser “ Logisticman Moussa“ dank des Verdienstes sein Kind, das in einem Kinderheim lebte inzwischen zu sich nehmen. Außerdem bewohnt er mit seiner Familie nun eine kleine möblierte Wohnung, die wir finanzieren. Unser Schneider in Dakar konnte eine neue Nähmaschine anschaffen und seinen Mitarbeitern Arbeit und damit Lohn bieten.

Moussa und sein Sohn
Moussa und sein Sohn
Eine neue Nähmaschine
Eine neue Nähmaschine

Wir lassen unsere Produkte ausschließlich in Senegal herstellen und kaufen nur im Senegal hergestellte Stoffe, keine chinesischen Billigstoffe, somit unterstützen wir auch die heimische Wirtschaft. Das nächste Projekt ist der Aufbau eines kleinen Onlineshops, um zu gewährleisten, dass der Verkauf auch außerhalb der verschiedenen Festivals und Kunsthandwerkermärkte gesichert ist.
Neben klassischen Accessoires wie Taschen, Haarbändern, Stoffen und Schmuck bieten wir ab nächsten Jahr eine Kollektion an afrikanischer, moderner Kleidung an.

Unsere Tochter Lea auf der Suche nach passenden Stoffen für ihre Kollektion
Unsere Tochter Lea auf der Suche nach passenden Stoffen für ihre Kollektion

 

Die Menschen mit denen wir im Senegal zusammenarbeiten sind uns inzwischen ans Herz gewachsen und die Aussagen unseres Freundes Baudouin haben sich in Bezug auf den Respekt, der uns entgegengebracht wird bestätigt. Für unsere zwei halbafrikanischen Töchter ist dies eine besonders wichtige Erfahrung.

Lea, Joseph, Baudouin, ich, Mara, Sebastian und Hape mit Baobabbaum
Lea, Joseph, Baudouin, ich, Mara, Sebastian und Hape mit Baobabbaum

 

Ängstlich waren wir in dieses Land gestartet, unsere Wertsachen in Bauchtaschen sicher verstaut, ausgestattet mit Notrufnummern und Adressen der deutschen Botschaft, darauf eingestellt, dass uns äußerst kritisch begegnet wird, schauen wir doch seit Jahren untätig zu wie Afrikaner im Mittelmeer ihr Leben lassen-nur weil sie nach Europa wollen.
Zurückgekehrt sind wir mit dem Wissen, dass die Menschen in Senegal trotz großer Not zusammen helfen, jeder den anderen als potenziellen Bruder oder Schwester sieht, die Alten respektiert werden und die Menschen einander in ihrer unterschiedlichen Religion achten. Können wir das von unserem Land behaupten?
© Cora Kalenga und Hape Mauz 08/2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diejenigen die bleiben, versuchen so gut wie möglich zu überleben. Wir beobachteten wie sich vornehmlich unattraktive, alte, europäische Männer mit hübschen, jungen Senegalesinnen amüsierten. Wir schämten uns fremd für unsere eigenen Leute.
Wir schämten uns als Europäer auch dafür, wie sich manche der Exkolonialherren (Franzosen) noch immer in diesem Land benehmen. Viele Franzosen igeln sich in Residenzen in hervorragender Strandlage zu Urlaubszwecken ein, während die Afrikaner nur Zutritt zum Putzen oder Poolreinigen bekommen. Als wir mit unserem Freund eine dieser Residenzen besichtigten, wurden wir allen Ernstes von einem französischen Bewohner gewarnt uns mit einem Senegalesen zu befreunden. Dieser hatte uns aber vorher mit einem Augenzwinkern mitgeteilt, dass er leider Frankreich für 15 Jahre meiden müsse. Kriminelle, die sich im Senegal versteckten um uns dann vor der einheimischen Bevölkerung zu warnen-wir waren schockiert und verließen die Residenz-nicht ohne uns bei der Direktion beschwert zu haben über so offensichtlich rassistisches Benehmen. Unser Freund Baudouin erklärte uns, dass dieses Verhalten nicht außergewöhnlich wäre. Umso trauriger-wie wir fanden!

 

Wie konnte man Geld sinnvoll im Land lassen ohne Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die man gar wünschte oder einfach nur zu spenden? Wie konnte man Arbeit schaffen, wo es doch an Verdienstmöglichkeiten mangelte.
Ich hatte während unserer Fahrten überall da, wo ich etwas „“Handgemachtes“ entdeckt hatte, immer ein Exemplar gekauft, eine Tasche aus buntem Waxstoff, ein mit Muscheln verziertes Haarband, ein Tuch etc. Ich fragte unseren Freund, wo diese Dinge hergestellt würden.
Es dauerte einige Tage und das “Buschtelefon“ hatte funktioniert. Wir fuhren nach Dakar, der riesigen Hauptstadt, eine Stadt ohne Straßenschilder, ein Wirrwarr aus Straßen, Gassen und Märkten. Durch Dakar schob ich ein nie abreisender Strom an Bussen und Autos